Publikation in: Systeme 20(1), 2006, pp. 38-61

"Der Anfang vom Ende" –
Die Praxis psychosozialer Hilfe als vereinbarte Kooperation für eine Zeit

Wolfgang Loth

Zusammenfassung

Der vorliegende Aufsatz diskutiert die Prämisse, dass es sich bei professionellen psychosozialen Hilfen um eine vereinbarte Kooperation auf Zeit handelt. Die Absicht professionellen Helfens besteht vor allem darin, dafür zu sorgen, dass diese Kooperation konstruktiv geschehen kann. Zentrale Bedeutung gewinnen dabei die Qualität der Beziehung zwischen Hilfesuchenden und HilfeanbieterInnen, sowie das abgestimmte Vorbereiten eines Ergebnisses, das von den Hilfesuchenden selbst als sinnvoll eingeschätzt und als hilfreich erlebt wird. Dies wiederum impliziert: Helfen erweist sich als Hilfe zur Selbsthilfe und zielt auf eine Unterstützung des Selbstwirksamkeitserlebens der Hilfesuchenden. Die eigenen Möglichkeiten, so wird dann deutlich, sind immer Möglichkeiten in einem Kontext sozialer und persönlicher Zusammenhänge, also in einem Kontext von Konsequenzen. Dies ist ein im Grunde lebenslanger Prozess. Er kann nur unter zwei Bedingungen portioniert werden: zum einen unter künstlichen Bedingungen (etwa im Labor), zum anderen in Form von Absprachen darüber, was gelten soll für den Weg zum Ziel "Hilfe erfolgt". Ich stelle das Konzept des Entwickelns Klinischer Kontrakte als eine Möglichkeit vor, diesen Prozess zu strukturieren und zu reflektieren.

Schlüsselwörter

Systemische Therapie - Beenden von professionellen psychosozialen Hilfen – partizipative Ansätze – Selbstwirksamkeitserleben - Klinische Kontrakte entwickeln
 

Summary

"Hello to Good-Bye"
– Professional Psychosocial Help as Concerted Co-operation for a While

The present paper discusses the premise that professional psychosocial help should be seen as concerted co-operation for a while. The professional part of this interaction focuses on fostering constructive developments. The relationship between clients and professional helpers plays a vital role in that, as well as a concerted preparation for results being able to be evaluated as helpful by the clients themselves. This implicates that help should be understood in terms of self-help. This, too, aims at an encouragement of those asking for help to experience enhanced self-efficacy. Seen from such point of view ones own possibilities turn out to be always possibilities-in-a-context-of-consequences. Basically this is a lifelong process which can be portioned only under two conditions: firstly under artificial conditions (in laboratories, e.g.), secondly as agreed arrangements concerning the premises for possible ways to achieve one’s aims. The present paper discusses some elements of "Developing Clinical Contracts" as a conceptualization of means to structure this process.

Keywords

systemic therapies – termination of professional psychosocial help – concepts of participation – self-efficacy – developing clinical contracts
 

Inhalt:

[Ein Ende finden vs. Ein Ende erfinden: ein Unterschied, der einen Unterschied macht]

Ein Abbruch – und was daraus wurde

[Ein Beispiel: Ein Abbruch ist keine Aktion im luftleeren Raum. Und gelegentlich wird er Teil einer neuen Geschichte]

[Psychosoziale Hilfen als nicht-triviales Geschehen]

[Außertherapeutische Variablen, speziell solche, die KlientInnen zugeschrieben werden, als Kernthema neuerer Forschung zu Wirkverständnissen und Wirkfaktoren]

[Ein System wählt gewissermaßen aus, mit welcher Art von Anregung es etwas anfangen kann (Haken & Schiepek)]

[Von "Was tun?" zu "Was tun wir"?]

Das Entwickeln Klinischer Kontrakte als Navigationsinstrument für eine Praxis psychosozialer Hilfe, die sich als "vereinbarte Kooperation für eine Zeit" versteht

[Das "Entwickeln Klinischer Kontrakte" als Vorschlag, eine Kooperation von Verbündeten zu beschreiben und anzuregen]

[Ressourcen als zentrales Konzept]

[Unterscheiden von Anlass und Anliegen als Einladung, sich auf Ressourcen zu besinnen]

[Kundigkeit als Interaktion]

[Von Beginn an im Blick: den Überschneidungsbereich von Kundigkeit und Selbstwirksamkeitserleben zu erhöhen]

[Auch Anmeldegespräche sind Fachkontakte]

[Professionelle Hilfen als Kooperation beschrieben: Die Kontraktorientierte Leistungsbeschreibung]

Das Entwickeln Klinischer Kontrakte als eine zielbezogene Form des Imaginierens von Möglichkeiten, den Herausforderungen des Lebens selbstwirksam(er) zu begegnen

[Gemeinsame Imagination von möglichen Wegen in eine gewünschte Richtung anstelle Planungsvorgaben]

[Navigationshilfen zum Zurechtfinden in einem Gelände, das sich verändert, während wir es erkunden weil wir es erkunden]

[Kontrakt als bewegliche und bewegende Verständigung über eine Wegstrecke]

Niemandsland oder Versammlungsort: Zwischen Stabilität und Instabilität

[Jeglichen Ausgangs- und Zwischenstand als Grundlage für einen "nächsten guten Schritt" erkennen und anerkennen]

[Beispiel: Eine Prognose anders nutzen]

[Ob Krokodilsköpfe helfen können, das Eis zu tauen?]

["Wichtig ist auffem Platz"]

[Enden verwenden – Einige Thesen]

Architektur und Feuerwehr: Gemeinsame Interessen oder Widerpartner?

[Freuds Auseinandersetzung mit der "endlichen und der unendlichen Analyse"]

[Weder "vollständige" Befreiung noch "abgetrennte" Einheit. Stattdessen eine Option auf lebenslanges Lernen]

["Bescheidene Therapie" und die Selbstwirksamkeit von KlientInnen]

[Wachheit für Kontextbedingungen – Vorsicht bei Rücksicht]

[Es sieht so aus, dass KlientInnen und TherapeutInnen über den Sinn eines Beendens der Hilfe nicht immer übereinstimmen]

[Das Ende der Finanzierungsfahnenstange ist nicht das Ende des Nachdenkens über angemessene Hilfsangebote]

[Effizienz und Effektivität von Psychotherapie]

[Die Kontexte im Blick behalten!]

Und? Zufrieden?

[Zufriedenheit mit einer Therapie und nachgewiesene Veränderungen haben zwar miteinander zu tun, aber nicht als simple wenn-dann-Beziehung]

[Kein garantiertes Ergebnis – sondern das Recht auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit, sowie Respekt als Leitkriterium]

Literatur
 

Wolfgang Loth, Dipl.Psych. (kopiloth@t-online.de)