Publiziert in: systeme 18(1), 2004, pp.85-87

Michael Wirsching & Peter Scheib (Hrsg.) 2002: Paar- und Familientherapie.
Berlin, Heidelberg: Springer, 709 S., 50 Abbildungen und 23 Tabellen, € 64,95

Es habe "lange gebraucht bis zu diesem ersten deutschen Lehrbuch der Paar- und Familientherapie", schreiben die Herausgeber in ihrer Einleitung. Das von ihnen konstatierte Abflauen des Schulenstreits habe dazu beigetragen, nun einen übergreifenden und umfassenden Versuch der Darstellung zu fördern. Wirsching und Scheib haben sich bewußt auf AutorInnen aus dem deutschen Sprachraum beschränkt (Ausnahme: S. McDaniel), nicht zuletzt um einen "Entwicklungsimpuls" zu geben: Es "sollte eine weitere Zersplitterung der "Szene" vermeiden helfen und die Professionalisierung der Paar- und Familientherapie stärken durch Beschreiben der Unterschiede (Differenzierung) und der Übereinstimmungen (Integration)", wie es im Vorwort heißt.

Der Reader gliedert sich in sieben übergreifende Abteilungen (Grundlagen; Praxis; Methoden und Settings; Störungsbilder; Institutionelle Kontexte; Kulturelle und gesellschaftliche Kontexte; Forschung, Qualitätsmanagement und Ethik). Dabei wird das Bemühen der Herausgeber erkennbar, einen umfassenden Bogen zu schlagen, sowohl zwischen Grundlagen und Praxis, als auch innerhalb der Praxis zwischen unterschiedlichen Phasen und Konstellationen. Das hat, wie bei allen Handbüchern mit lexikalischem Anspruch, Vorteile wie Nachteile.

Ein Vorteil ist sicher, dass die umfassende Würdigung der Kontexte unserer Profession dabei hilft, über den Tellerrand aktueller Auseinandersetzungen zu schauen. Sich die Entwicklungsgeschichte von der Familientherapie zur systemischen Perspektive zu verdeutlichen (Steiner, Brandl-Nebehay, Reiter) könnte momentan erlebte Fokussierungen ebenso relativieren helfen (im Sinne von: wieder in Beziehung setzen) wie eine wache Diskussion der tragenden und herausfordernden philosophischen Grundlagen (N. Wetzel). Bodenhaftung fördern könnten ebenso die Würdigung der Nachbarschaftshilfen aus "Familienpsychologie (K. Schneewind) und "Familiensoziologie" (B. Hildenbrand). Von Vorteil ist weiter, sich den breit gefächerten Erfahrungsschatz der vielen unterschiedlichen Arbeitsbereiche und –kontexte zu vergegenwärtigen, in denen sich paar- und familientherapeutisches Vorgehen etabliert und bewährt hat. Das Herausstellen einzelner Bereiche aus der Fülle wäre dabei m.E. unpassend, die diskutierten Bereiche umfassen ein weites Spektrum. Da gibt es viele Querverbindungen, Orientierungshilfen und spannende Anregungen.

En Nachteil besteht darin, dass die Fülle an manchen Stellen nur eine äußerst gedrängte Darstellungen erlaubt, die dann auch noch mißverständlich wirken kann (wie es etwa auf S.167 einen Absatz über Kybernetik zweiter Ordnung gibt, der so gelesen werden kann als hätte sich die Mailänder Gruppe auf Luhmann bezogen und mit seinen Ideen experimentiert). Ein wichtigerer Nachteil der Fülle könnte jedoch darin bestehen, dass sie möglicherweise nicht mehr als das zu erkennen ist, was sie trotz allem weiterhin darstellt: eine Auswahl. Das heißt: auch andere Rahmungen, andere Gewichtungen wären möglich. So scheint mir, dass im vorliegenden Reader eher auf die Perspektive des Mehrpersonenansatzes Bezug genommen wird als auf eine spezifisch systemische. Zwar kann K. Ludewig in seinem Grundlagenbeitrag "Systemische Therapie mit Paaren und Familien" argumentieren, dass unter den Prämissen Systemischer Therapie "die Darstellung einer systemischen Paar- oder Familientherapie als spezielle Methode" nur "unter künstlichen Bedingungen" sinnvoll sei. Angesichts der fortgeschrittenen Entwicklung "Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive" wirkt es dann jedoch etwas irritierend, wenn der Abschnitt "Praxis" nur aus einem einzigen Kapitel besteht ("Vom Erstkontakt zum Behandlungsabschluss"), in dem die beiden Herausgeber das Konzept des Freiburger Familientherapeutischen Arbeitskreises vorstellen und illustrieren. Nichts gegen diese Konzept, es hat Hand und Fuß, ist seriös, praxistauglich, überprüfbar und überprüft und außerdem sehr anschaulich, umfassend-informativ und anregend beschrieben. Welch schöne Möglichkeit, dies mit anderen Konzepten zu vergleichen. Da jedoch kein anderes Konzept in diesem Kapitel vorkommt, ist diese Möglichkeit hier nicht gegeben. So könnte aus den oben genannten Gründen ein schiefer Eindruck entstehen. In einem Beitrag des Mitherausgebers M. Wirsching über "Integration oder Schulenstreit?" blitzt dann auf, dass diese Publikation auch als eine Abwehrbewegung gegen das Erstarken der Systemischen Therapie und besonders: gegen das Erstarken Systemischer Verbände verstanden werden kann. Schade, zeigen doch eine Vielzahl von Beiträgen dieses Buches, wie Weiterentwicklungen nicht zwangsläufig "Schrotthaufen der Geschichte der Familientherapie" (S.138) produzieren, sondern selbst wiederum zum Ausgangspunkt für nächste gute Schritte werden können.

Trotz der genannten Irritationen und Überlegungen halte ich dieses Handbuch für sehr verdienstvoll, nützlich und im Wesentlichen gelungen. Die optische Darstellung und Präsentation ist sehr LeserInnenfreundlich, ein differenziertes Sachverzeichnis erleichtert themenspezifisches Suchen. Das Handbuch schafft Querverbindungen zu einer Vielzahl von Praxisfeldern, verknüpft den Alltag mit einem methoden- und zeitübergreifenden Nährboden, und vermittelt nicht zuletzt durch seine äußere Form ein Gefühl für das "Gewicht", das unsere Profession mittlerweile erreicht hat. Als Nachschlagewerk kann ich es sehr empfehlen, seine Attraktivität als Lehrbuch dürfte jedoch je nach Grundorientierung der BenutzerInnen variieren.

Lit.:
Reiter, L.; E.J. Brunner & S. Reiter-Theil 1988. Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive. Springer, Berlin, Heidelberg (1997: 2., vollst. überarb. Aufl.)

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)