Kurzfassung in Systhema, Bd. 15, 2001

John L. Walter & Jane E. Peller 2000.
Recreating Brief Therapy. Preferences and Possibilities. New York, London: Norton, 191 S., $32,--

Seit seinem Erscheinen im Jahr 1992 hat sich das erste Buch von Walter und Peller zu einem Standardwerk im Bereich "Lösungs- orientierte Kurztherapie" entwickelt. Die gleichnamige Übersetzung ins Deutsche mit dem Untertitel "Ein Lehr- und Lernbuch" erlebt mittlerweile die 4. Auflage. Dessen ungeachtet haben sich die beiden AutorInnen weiterentwickelt, haben sich zunehmend auf die Böden postmoderner Weltbeschreibungen begeben und schildern in ihrem nun vorliegenden zweiten Buch einen neuen Zwischenstand: eine Position im Rahmen narrativer Traditionen, weg von Therapie, hin zur Persönlichen Konsultation (vgl. Loth & Walter 1998). Im Unterschied zu früheren Positionen, in denen ihre grundlegende Forschungsfrage lautete: "Wie erschaffen wir Lösungen?", heisst diese jetzt: "Wie können wir einen Raum für Dialoge schaffen, einen Raum für das Sich-Befragen und (wieder) wundern, einen Raum, in dem sich Ziele, Vorlieben und Möglichkeiten herausbilden und entwickeln können?" Auf dieser Grundlage beschreiben Walter und Peller sorgfältig, mit vielen illustrierenden und erhellenden Gesprächsausschnitten, was sie darunter verstehen und wie es aus ihrer Sicht möglich wird, Konversation zum Medium hilfreicher Veränderungen werden zu lassen.

Die "Konversation als AutorIn der Geschichte" ist ein wiederkehrendes Leitmotiv. Natürlich bedeutet dies nicht, sich beliebig und ziellos treiben zu lassen. Auch Persönliche KonsultantInnen haben sich zu legitimieren für das Honorar, das sie nehmen. Das Leitmotiv bezieht sich weniger auf die Akte der Handelnden als auf den Geist, in dem dies geschieht. Es macht eben einen Unterschied, der einen Unterschied macht, ob Hilfestellungen aus der Position einer Recht-HaberIn heraus geschehen oder aus der Position einer sorgfältigen, neugierigen und ermutigenden MitentwicklerIn von Grundlagen für befriedigendere und bevorzugte Lebensentwürfe. In diesem Sinne grenzen die AutorInnen ihre Anregungen auch von modellhaften Vorstellungen ab und bezeichnen sie als eine Untersuchung in Sachen Kreativität. Der Unterschied zum 1992er Lehrbuch lässt sich vielleicht am prägnantesten am Thema "Ziele" zeigen. "In der Vergangenheit", so Walter & Peller, "benutzten wir das Konstrukt Ziel, um unseren Treffen mit den KlientInnen eine Zweckgebundenheit und eine Richtung zu geben" (S.38, alle Übers. W.L.), sie seien dann aber zunehmend zu der Einschätzung gelangt, dass der Begriff "Ziel" eine Eindeutigkeit vorgaukele, die er nicht besitze, eine Konkretheit und Sinnstiftung, die ihm nicht zukomme. "Wir haben es als nützlich gefunden," so Walter & Peller weiter, "das Wort Bevorzugung anstelle des Wortes Ziele einzusetzen, und uns Zweckgerichtetheit, Relevanz und Bevorzugung als spontane konversationelle Prozesse vorzustellen, anstelle angezielter Objekte oder Ereignisse. [...] Bevorzugen wird zu einer Aktivität zwischen KlientIn und KonsultantIn, die nicht von aussen durch kulturelle Glaubenssätze oder durch normative Vorschriften aus dem Bereich unserer Profession aufgedrückt wird." (S.39).

Zu den Anregungen für die Praxis gehören das Erkundigen nach Wünschen und nach der Bedeutung von Veränderungen, sowie das Erkund(ig)en von Möglichkeiten mit Hilfe des Konzentrierens auf "Zeichen für (erste gute Schritte, u.ä.)". Den AutorInnen ist dabei wichtig, dass "aus einer Position der Neugierde und des sich gemeinsam mit den KlientInnen wunderns und sich fragens und aus einer Position innerhalb der Konversation" das Fragenstellen zu begreifen "als Versuche zu verstehen, was die KlientInnen sagen und mit den KlientInnen gemeinsam zu untersuchen, was sie, die KlientInnen, wünschen und was für sie relevante Möglichkeiten sind" (S.43). Die Versuchung des linearen Denkens lege es nahe zu fragen: "Was müssen Sie tun, um etwas Bestimmtes geschehen zu lassen?". Demgegenüber entscheiden sich Walter und Peller dafür, den Blick auf die Anzeichen zu vorzuschlagen, die den KlientInnen ein Gefühl dafür zu geben vermögen und zu bemerken, was sie jetzt bereits tun und getan haben, und für was sie sich in Zukunft entscheiden könnten. Walter und Peller bekennen sich zu einer Sicht von KlientInnen "als wohlmeinende Personen, die etwas Positives für ihre Zukunft erreichen möchten" (S.178). Diese Position reiht sich nahtlos ein in die wachsende Bewegung, die KlientInnen als die eigentlichen "Heldinnen" der Therapie zu würdigen (vgl. Duncan & Miller 2000).

Das Buch ist, auch wenn es sich manchmal nicht so flüssig liest, sorgfältig ediert, ein guter Tip für alle diejenigen, die sich über ihr Beisteuern in hilfreichen Konversationen klarer werden wollen.

Literatur:
Duncan, B. & S. Miller 2000. The Heroic Client. Doing Outcome-orientied and Client-directed Therapy. San Francisco: Jossey-Bass.
Loth, W. & J. Walter 1998.  "From Solution-Focus to Personal Consultation". An E-mail-Interview.. http://www.kopiloth.de/jwinteng.htm ; deutsche Übers.: Vom Lösungsfokus zur Persönlichen Konsultation, 1998, in: Systhema 12(3), pp263-276.
Walter, J. & J. Peller 1994. Lösungs-orientierte Kurztherapie. Ein Lehr- und Lernbuch. Dortmund: verlag modernes lernen.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)

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