Steven Friedman (1999):
Effektive Psychotherapie. Wirksam handeln bei begrenzten Ressourcen.
Dortmund (verlag modernes lernen), 358 S., DM 44,--.

Auch wenn Managed Care hierzulande noch ein Fremdwort ist, auch im deutschsprachigen Raum beginnen Krankenversicherungen bereits darüber zu diskutieren und die Erfahrungen aus dem US-amerikanischen Raum sorgfältig zu studieren. Managed-Care-Organisationen lassen sich zwar mit Krankenversicherungen vergleichen, nehmen aber in der Regel noch nachhaltiger Einfluß auf die Beziehungen zwischen Leistungsanbietern und Leistungsempfängern. Ziele sind: "unnötige Leistungen" auszuschalten, Kosten zu reduzieren und Effektivität wie Effizienz der Behandlungen zu maximieren. Es liegt nahe, hier eine Dominanz ökonomistischer gegenüber fachlichen Überlegungen anzunehmen. Daraus resultieren eine Reihe ethisch relevanter Fragen, z.B. hinsichtlich des Umgangs mit KlientInnen oder des Umgangs mit Datenschutz (Bilynski & Vernaglia 1998). Innerhalb der American Psychological Association gab es darüber offensichtlich ernsthafte Differenzen (Cooper 1998).

Auf diesem Hintergrund erscheint es umso hilfreicher, daß ein so ausgewiesen bewanderter und respektvoller Kollege wie Steven Friedman, der für die Weiterentwicklung kollaborativer Konzepte in der Familientherapie steht (z.B. 1995), die Arbeitsmöglichkeiten unter managed-care-Bedingungen diskutiert und im Hinblick auf ressourcenorientierte und (kunden-) menschenfreundliche Möglichkeiten ausleuchtet. Sein Buch "Time-Effective Psychotherapy" aus dem Jahr 1997 liegt nun in deutscher Übersetzung vor, ergänzt um ein Vorwort zur deutschen Ausgabe, in dem Friedman einen gerafften Überblick über Grundlagen, Formen und Auswirkungen von Managed Care in den USA gibt (Für weitergehend Interessierte: vgl. ein Glossar zu Managed Care bei Huntington (1997)).

Friedman läßt dabei nicht nur viele, mittlerweile schon etwas bekanntere lösungsorientierte Ideen Revue passieren, sondern schildert die Umsetzung dieser Ideen in einer Vielzahl von teilweise vollständig transkribierten Therapiebeispielen. Die Beispiele machen nicht nur Verfahrensweisen deutlich und schildern Schwerpunkte für spezielle Anwendungsbereiche (etwa Paartherapie), sondern lassen Entscheidungsprozesse des Autors als Therapeut in Situationen nachvollziehen, die nachträglich als Weggabelungen erkennbar werden. Beispielsweise, wie es dem Therapeuten in einer kniffligen Paartherapie-Situation gelingt, die Einladungen eines Paares, seine Geschichte problemorientiert zu beschreiben, respektvoll zur Kenntnis zu nehmen, die Einladungen jedoch nicht anzunehmen, sondern geduldig darauf hinzuarbeiten, das Paar für dessen eigenen Kompetenzen zu interessieren.

Es ist also ein sehr praxisorientiertes und praktisches Buch, das ich hier nachdrücklich empfehlen möchte. Die Praxisrelevanz und Praxiskompetenz, die dieses Buch ausstrahlt, sind es jedoch nicht allein, die es für mich zu einem herausragenden Buch machen (und insofern zu einem der Bücher "from abroad" macht, die es sich wirklich gelohnt hat zu übersetzen). Herausragend wird dieses Buch für mich durch seine Kraft, die Idee des respektvollen Kooperierens auch unter den Bedingungen einer Entwicklung in Richtung finanzierungsorientierter Kanalisierung und Konzentration psychosozialer Leistungen beizubehalten. Friedman macht deutlich, wie es gelingen kann, professionelle psychosoziale Hilfen sowohl im Einklang mit möglicherweise begründeten Wünschen nach finanzieller Überschaubarkeit zu gestalten als auch andererseits diese Hilfen auf unerschrockenes Zutrauen in die Ressourcen von Hilfesuchenden zu gründen, sowie dies in eine Form zu gießen, die in jeder Phase kooperativ, kompetent und respektvoll wirkt.

Dies gelingt natürlich nur auf dem Hintergrund, diesen Ansatz auch in seiner Begrenztheit zu verstehen, ihn nicht als "Allheilmittel für alle Krankheiten und Probleme des Lebens" zu betrachten, wie Friedman immer wieder - beinahe formelhaft - betont. Es geht um das Konzentrieren auf kleine Schritte, die, so die begründete Hoffnung, in komplexen Lebenslagen weitere hilfreiche Veränderungen anstoßen können. Mir scheint, das Buch verkörpert eine sehr schöne Synthese der fortgeschrittenen Kunst, kleine Brötchen zu backen und dies im Kontext der "wunderbaren Brotvermehrung" zu vernetzen. Und noch etwas: wer glaubt, der "zeiteffektive" Ansatz sei einfach nur billig zu haben, dürfte enttäuscht sein. Die Lektüre dieses Buches macht deutlich, daß ein zeiteffektives therapeutisches Vorgehen die Vernetzung vieler verschiedener Dienste beinhaltet, die in unterschiedlicher Weise zum Gelingen beitragen. Eines der transkribierten Beispiele handelt von Nancy, einer Klientin, die über einen Zeitraum von zwei Jahren Hilfe von sechs verschiedenen Managed Care Diensten erhielt und zusätzlich fünf weitere Dienste in Anspruch nahm. Dennoch kann die beschriebene Arbeit ohne weiteres als Beispiel für ein erfolgreiches zeiteffektives Arbeiten verstanden werden. Es geht halt nicht um einen kontextfreien Einspar-Formalismus, sondern es geht um das wirksame und respektvolle Aufeinanderabstimmen der Kompetenzen und Ressourcen aller Beteiligten, die der Hilfesuchenden dabei an prominenter Stelle. Daß auf diese Weise oft sehr schnell wirkende und (in mehrfacher Hinsicht) kurzweilige Hilfeerfahrungen zustandekommen, ist ein Effekt dieses Ansatzes, nicht seine normative Ausgangsbedingung. Hier scheint Friedman geradezu ein Spagat zwischen den beiden Polen zu gelingen, die er in seinem Vorwort benennt: fürsorglich mit den PatientInnen und fürsorglich mit dem Geld der Gesellschaften umgehen. Allerdings: mittlerweile scheint ihn die Entwicklung überholt zu haben. Die Gesetze des Marktes haben sich ausgewirkt. Die Managed Care Firmen haben sich im üblichen ökonomistischen Wettbewerb noch stärker auf Einspareffekte ausgerichtet, was die Arbeitsbedingungen für viele KollegInnen deutlich verschlechtert hat. Und so halte ich es für angemessen, wenn Jürgen Kriz in seinem Geleitwort seine Argumentation auf die Aussage zuspitzt: "Es geht nicht nur um die Frage nach der "Effektivität", es geht auch um die Frage, wie wir leben wollen." (S.12).

Die ansprechende Form des Buches unterstreicht seinen praktischen Nährwert. Thesenartige Zusammenfassungen am Ende der Kapitel, Anregungen zum eigenen Nachdenken, abgebildete Arbeitsunterlagen und ein Personenregister erleichtern die Lektüre. Ein wichtiges und anregendes Buch!

Literatur
Bilynsky, N.S. & Vernaglia, E.R. (1998): The ethical practice of psychology in a managed-care framework. Psychotherapy 35(1), 54-68.
Cooper, G. (1998): Fault line in the APA. The Family Therapy Networker, January/February 1998, 15-16.
Friedman, S. [Hg.] (1995): The Reflecting Team in Action. Collaborative Practice in Family Therapy. New York (Guilford).
Huntington, J.A. (1997): Glossary for managed Care. Online Journal of Issues in Nursing,  Internet: http://www.ana.org/ojin/tpc2/tpc2_gls.htm.

Wolfgang Loth , kopiloth@t-online.de

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