publ. in Systhema 16(2), 2002, pp.188-189

Matthew D. Selekman 2002: Living on the Razor’s Edge. Solution-Oriented Brief Family Therapy for Self-Harming Adolescents. London: Norton, 223 S., £ 25,00

Dies sei das erste Buch, das sich selbst verletzendem Verhalten Jugendlicher auf eine lösungsorientierte, auf Kompetenzen setzende und nichtpathologisch argumentierende Weise nähere, betont Bill O’Hanlon in seinem Vorwort. Und er fasst seinen Eindruck von Selekmans Vorgehensweise so zusammen, er arbeite nach der Richtlinie: Nutze alles was funktioniert, solange es respektvoll ist. Dies wird denn auch durchgängig deutlich im vorliegenden Buch. "Therapeutische Flexibilität ist ein Muss", heißt es an einer Stelle, eng verbunden mit konsequenter Achtung vor dem Expertenstatus der KlientInnen.

Einerseits bietet Selekman dichte Beschreibungen der Konstellationen, die sich um das selbst verletzende Verhalten bilden. Auch wenn das beklagte Verhalten sich aus vielen Quellen nährt, als ein durchgängiges Muster schält sich immer wieder das Erleben der Jugendlichen heraus, nicht zuverlässig verbunden zu sein mit den Personen, die für sie wichtig sind, sich in ihrem So-sein nicht bestätigt zu erfahren und keine "Stimme" zu haben, die für sie spricht und sich für sie einsetzt. Daher sei es eine wichtige Aufgabe für TherapeutInnen, "Katalysatoren zu sein beim Aufbau bedeutsamer Verbindung zwischen den Jugendlichen, ihren Eltern, Peers, LehrerInnen, Schlüsselpersonen aus dem sozialen Umfeld, inklusive beteiligter professioneller HelferInnen." Selekman erbittet wenn möglich bereits beim Anmeldekontakt Erlaubnis, wichtige andere Personen mit einbeziehen zu können. Als entsprechend umfassend erweist sich der geschilderte Ansatz, die verschiedenen Anliegen und Beiträge der unterschiedlichen Beteiligten zu erfassen und in Richtung einer "multisystemischen" Hilfekonstellation zu bündeln.

In seinen konzeptionellen Überlegungen bezieht sich Selekman zentral auf die "allgemeinen Wirkfaktoren" nach Lambert, die sogenannte "außertherapeutische" Ressourcen sowie die therapeutische Beziehung herausragend gewichten. Von Bedeutung erweisen sich ebenfalls die Untersuchungen von Prochaska et al. zu den Stadien der Bereitschaft zur Veränderung. In den Anregungen zum praktischen Vorgehen gibt es viele Verweise auf bekannte Standards lösungsorientierter Ansätze (Wunderfrage, Skalenfragen, Copingfragen, etc.). Die von Selekman geforderte Flexibilität kommt jedoch auch hier zum Tragen: lösungsorientierter Geist allerorten, aber keinerlei Scheu, auch jenseits der "reinen" Lehre fündig zu werden. So kommen ebenfalls kognitiv-behaviorale Verfahren zur Anwendung, die den Jugendlichen helfen sollen, Selbstvorwürfe zu unterbrechen und hochgeputschte Stresssituationen herunter zu kochen. Selekman baut auf die sich gegenseitig bestärkende Unterstützung unterschiedlicher Hilfeansätze: Impulse zur Veränderung der Familieninteraktion, Impulse zum Entwickeln wohlwollenderer Selbstverbalisationen der Jugendlichen und auch Impulse zum Stärken der Teams, die sich in der Hilfe für die Jugendlichen finden. Was wie ein Knoten im HelferInnensystem erscheine, könne auch als gute Gelegenheit verstanden werden, sich in einer herausfordernden Situation weniger isoliert zu erleben. Wie gesagt: selbst verletzendes Verhalten als Anlass, sich in vielfältiger Weise um Ressourcen zu kümmern. Eine anregende Hilfe für die Praxis.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)

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