erschienen in: Systhema, Band 13, 1999

Ein Blick auf: .....Lösungs- und Ressourcenorientierung
- Das Ratinginventar Lösungsorientierter Interventionen (RLI) -

Wolfgang Loth


 


 


"Let us raise a standard to which the wise and honest can repair,
the event is in Gods hand"
George Washington


Spätestens seit einem Beitrag von Schiepek et al. (1997) in der Zeitschrift für Klinische Psychologie gab es Kunde von der Entwicklung eines Inventars, mit dem es möglich sei, lösungs- und ressourcenorientiertes TherapeutInnen-Verhalten gezielt zu erfassen und sowohl für Forschungs- wie für Ausbildungszwecke nutzbar zu machen. Dieses Inventar liegt nun vor:
Hermann Honermann, Peter Müssen, Andrea Brinkmann & Günter Schiepek 1999:
Ratinginventar Lösungsorientierter Interventionen (RLI). Ein bildgebendes Verfahren zur Darstellung ressourcen- und lösungsorientierten Therapeutenverhaltens. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 109 S.
(+ 1 Schablone), DM 68,-

Annäherung
Drei Möglichkeiten stehen wohl im Wesentlichen zur Verfügung, interessierten Personen zu verdeutlichen, was unter einem bestimmten Therapieverfahren zu verstehen sei: zum einen das möglichst prägnante Beschreiben von Prämissen, Schwerpunkten und Vorgehensweisen bei diesem Verfahren, zum anderen das (beobachtende) Teilnehmen und schließlich das komplexitätsreduzierende Übersetzen der entsprechenden Ereignisse in Tabellen und Grafiken. Die beiden erstgenannten Möglichkeiten setzen längeren Atem voraus, Frustrationstoleranz und eine gewisse Bereitschaft, sich als "unterwegs" zu erleben. Die Möglichkeit der bildgebenden Darstellung scheint zunächst ein schnelleres Verstehen zu begünstigen, profitiert von der überwiegend visuellen Dominanz in unserer Zivilisation und ermöglicht das unter Umständen beruhigende Gefühl, etwas abgebildet zu haben, was schon existiert, verweist also auf sogenannte Ergebnisse. Forderungen nach Transparenz, Wissenschaftlichkeit und Qualitätssicherung an therapeutische und beraterische Angebote scheinen durch diese Art Ergebnisdarstellung besser bedient werden zu können. Erste Stolperstellen ergeben sich, wenn therapeutische und beraterische Prozesse als nicht-trivial angenommen werden, als komplex-nichtlinear und nicht einseitig steuerbar. Ich möchte diese vorsichtigen Überlegungen an den Anfang setzen, bevor ich beginne, das von Honermann et al. vorgelegte "Ratinginventar Lösungsorientierter Interventionen (RLI)" vorzustellen und letztlich als sehr anregend und wohl auch hilfreich einzuschätzen.

Zunächst eine Entwarnung:
Aus den zahlreichen bisherigen Veröffentlichungen Günter Schiepeks läßt sich zuverlässig schließen, daß das vorgelegte Instrumentarium zu etwas anderem gut sein soll als dazu, professionelles psychosoziales Helfen zu normieren und ohne Bezug auf Kontexte als bestimmte Abläufe vorzuschreiben. Beispielsweise steht er im Hinblick auf das Thema Qualitätssicherung für Sätze wie: "Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Club garantiert für gar nichts. Denn: Qualität ist ein Systemprodukt, es entsteht aus dem Zusammenwirken verschiedenster Bedingungen und ist weder raum-zeitlich noch über andere Kontexte hinweg transferierbar. Qualität ist ein nicht übertragbares, vergängliches Gut. Es ist insofern 'autopoietisch', als es immer wieder reproduziert werden muß, um nicht zu ersterben. Es ist insofern 'dissipativ', als man immer wieder von neuem Energie investieren muß, um das Emergenzprodukt "Qualität" in der Entwicklung zu halten." (Schiepek & Bauer, 1999, S.20). Dazu paßt die Position, "daß allein die Erhebung von Daten noch keine Aussagen über Entwicklung und Sicherung von Qualität zuläßt" (ebd. S.19). Und so heißt es denn bereits im Vorwort des hier vorgestellten Inventars: "Psychotherapie ist ein dynamischer Prozeß, in dem kognitive wie affektive, individuelle wie interaktionelle Muster aktiviert, hergestellt und verändert werden. Diese filigranen Abstimmungs- und (Selbst-)Organisationsprozesse gingen verloren, würde man versuchen, das Therapeutenverhalten zu normieren und vorab (d.h. prozeßunabhängig) zu strukturieren." (S.7). Folgerichtig heißt es in der Anleitung für RaterInnen: "Der Beobachtungsbogen stellt ein deskriptives Instrument dar und ist nicht als Bewertung einer therapeutischen Sitzung zu verstehen." (S.20).

Auch wenn sich die AutorInnen explizit auf die von de Shazer und MitarbeiterInnen entwickelten Begrifflichkeiten und "Musterveräufe" beziehen, geht es erkennbar nicht darum, das Aufmerksamsein für Lösungsmöglichkeiten und Ressourcen ausschließlich für ein bestimmtes Modell zu reklamieren. Lösungsorientierte Kurztherapie verkörpert diese Prämissen bislang zwar in ihrer konsequentesten Form. In Abwandlungen und kleineren Dosierungen finden sich diese Bestandteile jedoch vermutlich in allen Angeboten, die sich als hilfreich bewähren. Das RLI fokussiert somit auf das Aufspüren derjenigen Verhaltensweisen von TherapeutInnen und BeraterInnen, die mit dem Erschließen von Lösungen und Ressourcen in Verbindung stehen. Zu diesem Zweck haben die AutorInnen auf der Grundlage von Expertenbefragungen und eigenen Erfahrungen und Überlegungen eine Liste von 23 Items erarbeitet, die sie faktorenanalytisch sieben Faktoren zugeordnet haben (vgl. Tabelle 1).

Tabelle 1: Kategorien des Ratinginventars Lösungsorientierter Interventionen (RLI)
Faktor Heuristik (Kurzform) Items ( TherapeutIn.... )
1
KlientInnen anregen, Problem zu fokussieren (Problemanalyse/ Defizitorientierung)
  • regt KlientInnen zum unmittelbaren Erleben des Problems an
  • regt KlientInnen zur (Re)Konstruktion/ Reflexion des Problems an
  • fokussiert auf Defizite/ Pathologien
  • lenkt Aufmerksamkeit auf die Entstehungsgeschichte oder Ursachen des Problems
2
KlientInnen anregen, eigene Ziele zu konstruieren 
(Zielaktualisierung)
  • hilft KlientInnen, Ziele zu spezifizieren
  • hilft KlientInnen, Ziele zu äußern
  • regt KlientInnen zum unmittelbaren Erleben des erwünschten Ziels an
  • fragt nach Unterschieden, die für KlientInnen einen Unterschied machen
3
KlientInnen behilflich sein, durch neue Handlungsweisen kleine, aber relevante Veränderungen herbeizuführen 
(Konkretisierung von Lösungen)
  • hilft KlientInnen, eigene Ziele im Rahmen eigener Kompetenzen zu operationalisieren
  • hilft KlientInnen etwas ander(e)s zu machen
  • bietet als "Experte" eigene Erklärungen, Deutungen, Lösungen an
  • lenkt Aufmerksamkeit auf Zukünftiges
4
Sich durch respektvolles Interesse um eine kooperativ-offene TherapeutInnen-KlientInnen-Beziehung bemühen, die Veränderung ermöglicht 
(Beziehungsgestaltung/ Kooperation/ Respekt)
  • bemüht sich um guten Rapport, Zustimmung und/oder Erlaubnis
  • behandelt KlientInnen als kompetente ExpertIn für sich selbst
  • klärt und respektiert Anliegen, Auftrag und Erwartungen der KlientInnen
  • greift Sprache und Metaphern der KlientInnen auf oder arbeitet damit
  • exploriert die Lebenssituation/ den Lebensstil der KlientInnen
5
KlientInnen helfen, sich eigener Fähigkeiten, Stärken und Ressourcen bewußt zu werden 
(Ressourcenorientierung/ Kompetenzentwicklung)
  • hilft KlientInnen, Ressourcen zu erkennen
  • stärkt KlientInnen durch Anerkennung
  • fokussiert auf Ausnahmen
6
Sich um Destabilisierung von Mustern/ Schemata bei KlientInnen bemühen
(Alternatives Denken/ Musterunterbrechung/ Destabilisierung)
  • erweitert den Möglichkeitsraum der KlientInnen durch Induktion alternativer Bewußtseinszustände
  • unterbricht Muster der Situation oder Kommunikation
7
KlientInnen dabei helfen, Problem zu lösen, indem er/sie Problem in einem anderen Kontext sieht und so neue Bedeutungen konstruieren kann, die zur Entwicklung neuer Muster führen 
(Reframing)
  • verändert den Bezugsrahmen des Problems

Entnommen aus und zusammengestellt nach: Honermann et. al. (1999), S. 62-67

Zum Verfahren:
Das RLI "stellt ein Verfahren zur Verfügung, mit dessen Hilfe Videoaufzeichnungen von Therapiesitzungen im Hinblick auf ihre Lösungs- und Ressourcenorientierung sowie andere therapeutische Heuristiken detailliert analysiert werden können." (S.9). Zu diesem Zweck enthält das Inventar eine Schablone, mit deren Hilfe für jede ausgewertete Minute die 23 Items in ihrer Ausprägung eingeschätzt werden können (von 0 = "gar nicht wahrgenommen" bis 4 = "außerordentlich wahrgenommen"). Die AutorInnen geben als "benötigte Zeit zum Kodieren eines einminütigen Ausschnitts nach allen 23 Items: durchschnittlich: 85,7 Sek" an. "Die Durchführungszeit für das Rating eines 60minütigen Therapievideos beträgt demnach drei Stunden inklusive Pausen und der Betrachtung des Videobandes" (S. 83).

Die AutorInnen gehen aufgrund dieser Erfahrungen davon aus, das RLI als ein "sehr ökonomisches" Verfahren einschätzen zu können. Ich würde gerne unterscheiden: nicht im Einsatz als mitlaufendes Arbeitsmittel im Alltag einer üblichen Praxis. Als Forschungsinstrument und Hilfsmittel zur Supervision, Fort- und Weiterbildung dürfte es dagegen gut geeignet sein und anregende Reflexionen ermöglichen.

Die einzelnen Items des RLI werden sehr ausführlich vermittelt, sowohl hinsichtlich ihrer theoretischen Begründung und allgemeinen Beschreibung, wie auch hinsichtlich Beispielen mit Ratingvorschlägen. Die testtheoretische Diskussion ist ausführlich und sorgfältig, kann jedoch aus der Sicht der Praxis als der notwendige Tribut an Erfordernisse der wissenschaftlichen Konvention im Wesentlichen überlesen werden (wobei dann jedoch durchaus interessante Details und Fragen außen vor blieben, wie ich noch zeigen möchte).

Zur Überprüfung der Reliabilität und Validität des Verfahrens wurden Videobänder mit Therapiesitzungen aus unterschiedlichen Verfahren ausgewertet: Erstsitzung einer lösungsorientierten "Mustertherapie", Erstsitzung einer systemischen Therapie, Erstsitzung einer systemisch-lösungsorientierten Therapie, 153. Stunde einer psychoanalytischen Lehranalyse, Erstsitzung einer lösungsorientierten Kurzeittherapie, Folgesitzung eines verhaltenstherapeutischen Selbstbehauptungstrainings, Zweitsitzung einer klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie. Die Daten wurden grafisch aufbereitet, so daß die einzelnen Stundenverläufe als eine Art charakteristische "Gebirgslandschaften" erscheinen. Das wirkt auf den ersten Blick nicht ganz so komplexitätsreduziert wie oben angedeutet, erlaubt jedoch nach etwas Eingewöhnung interessante Eindrücke. Da erschließt sich auf einen Blick, wie etwa eine lehranalytische Sitzung durchgängig auf Problemanalyse und Beziehungsgestaltung fokussiert, während die lösungsorientierte Musterstunde den typischen Verlauf wiedergibt: kurzes joining via Abholen beim Problem, Wunderfrage, Zielkonstruktion und Ressourcenfokussierung. Demgegenüber erscheinen in der als Referenz ausgewählten lösungsorientiert-systemischen Stunde durchaus starke Akzente in Richtung expertenhafter Anregungen, noch deutlicher ausgeprägt beim verhaltenstherapeutischen Training.

Diskussion
Diese Art der Reflexion unterschiedlicher Therapieansätze dürfte in Zukunft noch weiterführende Fragen aufwerfen, insbesondere dann, wenn es mehr Auswertungen von Therapieverläufen unter Alltagsbedingungen gibt. Inwieweit Musterverläufe sich in der üblichen Unordnung des (Alltags-/ Arbeits-)Lebens als Referenzgrößen bewähren, dürfte zumindest in Frage gestellt werden. Möglicherweise haben die AutorInnen hier zu sehr auf den Faktor "Kurzzeit" gesetzt, und weniger auf den Faktor "Ressourcen". Fünf der acht ausgewerteten Videoaufzeichnungen enthielten Erstsitzungen und bei der Auswertung der Erstsitzung zu Lösungsorientierter Kurztherapie heißt es, die Abbildung "gibt den Therapieverlauf einer typischen Kurzzeittherapie wieder" (S.76, Hervorhebung W.L.). Es führt m.E. jedoch weg von den Prämissen des Verfahrens, wenn das Ergebnis "Lösung in kurzer Zeit" in den Vordergrund gerückt wird auf Kosten des Standards, unverdrossen und kooperativ auf Ressourcen zu fokussieren, und auf diese Weise das Entstehen von Lösungen gezielt zu fördern.

Es erscheint mir notwendig, sich über den Bedeutungsrahmen der im Titel enthaltenen "Interventionen" klar zu werden. Erklärtes Ziel des RLI ist es "lösungsorientierte Interventionen" zu erfassen. Dies könnte auch so verstanden werden, als lasse sich Therapie, hier: Lösungsorientierte Therapie ausschließlich über Therapeutenverhalten definieren, verkörpert im korrekten Abspulen einer definierten Technik. Ferdinand Wolf (1999) beschreibt dieses Spannungsfeld im Verstehen Lösungsorientierter Kurztherapie detailliert, wenn er "Interventionen zwischen methodischer Technik und relativistischer, emotionaler Authentizität" diskutiert (S.19). Als Ergebnis seiner bisherigen Erfahrungen setzt er schließlich auf den "Eindruck eines von Empathie und genauer Beobachtung im Sinne von außerordentlicher Klientenorientierung und -fokussierung getragenen Prozesses" (S.22), ein Eindruck, den auch Kaimer (1998) überzeugend beschreibt.

Bereits auf TherapeutInnenseite wären demnach wesentlich weitergehende Einflußgrößen zu berücksichtigen als das handwerkliche Beherrschen von Interventionen: die Haltung von TherapeutInnen/ BeraterInnen erweist sich als eine dominierende Variable (vgl. Hargens 1995, 1998). Worauf beziehen sich TherapeutInnen, wenn sie lösungsorientiert intervenieren? Auf Vorgaben eines Manuals? Auf Vorgaben einer Schulmeinung? Auf ihren Ehrgeiz, es richtig machen zu wollen? Auf ihre Sorge, es falsch machen zu können? Auf das, was die KlientInnen sagen? Nehmen wir folgendes: "Therapie als gut durchzuführenden Job zu begreifen, bedeutet für lösungsorientierte Therapeuten, die ethische Verantwortung, wirkungsvolle und befriedigende Hilfsmaßnahmen für Klienten zu entwickeln", sagen Miller & de Shazer (1999, S.21). Also wirksame Maßnahmen (Interventionen) als explizite Therapeutenleistung? Wie steht es dann aber damit: "Da die Therapie eine Therapie der Klienten ist, bestimmt der Klient durch die Wahl der Ziele, wie Erfolg und Mißerfolg zu messen sind; die Vielzahl der Optionsmöglichkeiten des Klienten steht dabei über allem, da sich dadurch die Erfolgschancen zu vergrößern scheinen", ebenfalls Miller & De Shazer (1999, S.24). Undsoweiter. Es gibt offensichtlich kein Entrinnen aus dem von Ludewig (1988, 1992) so treffend beschriebenen Therapeutendilemma: "Handle wirksam, ohne im voraus wissen zu können, was Deine Handlungen bewirken". So verstanden, erweisen sich "lösungsorientierte Interventionen" als (hoffentlich) hilfreiche Bestandteile lösungsorientierten Beisteuerns (vgl. Loth 1998, 1999, 2000).

Und was ist mit lösungsorientierten Interventionen der KlientInnen?
In diesem Zusammenhang fand ich dann auch die konzentriertere Lektüre der Ergebnisse zur Bestimmung der Gütekriterien interessant, speziell die Untersuchungen zur "Konstruktvalidität/ Faktoriellen Validität". Durch den Faktor 1 (Problemanalyse/ Defizitorientierung) wurde mit 22,9% die im Vergleich zu den anderen Faktoren höchste Varianz aufgeklärt. Hier unterschieden sich die verschiedenen untersuchten Therapiesitzungen offensichtlich am gravierendsten. In der Sprache Millers & de Shazers: "Die Verbindungslosigkeit von problemorientierten und lösungsorientierten Sprachspielen ist das zentrale Thema der Philosophie und Praxis der lösungsorientierten Therapie" (1999, S.14). Faktor 2 (Zielaktualisierung :17,5%) und Faktor 3 (Konkretisierung von Lösungen: 13,6%) stärkten erwartungsgemäß ebenfalls das Profil lösungs- und ressourcenorientierten TherapeutInnen-Verhaltens.

Über das Erfassen des Bemühens, "durch respektvolles Interesse um eine kooperativ-offene Therapeut-Klient-Beziehung" Veränderung zu ermöglichen, liessen sich nur 9% der Varianz aufklären, über allgemeine Ressourcenorientierung/ Kompetenzentwicklung sogar nur 6%. Hier bleiben Fragen offen, insbesondere wenn solche Untersuchungsergebnisse berücksichtigt werden, die das therapeutische Geschehen aus Sicht der KlientInnen reflektieren.

Mittlerweile gibt es eine Fülle von Hinweisen, die anzeigen, daß die Wahrnehmung und die Bewertung des Therapiegeschehens durch die KlientInnen präzisere Vorhersagen zum Gelingen von Therapie/ Beratung erlauben als die Einschätzungen aus TherapeutInnen-Sicht. Hubble et al. fassen die Ergebnisse ihres voluminösen Readers The Heart and Soul of Change. What works in Therapy? so zusammen: "Worauf es, wie uns die Daten zeigen, ankommt, sind die KlientInnen: die Ressourcen der KlientInnen, ihre Teilnahme, ihre Einschätzung der Allianz, ihre Wahrnehmung des Problems und seiner Lösung. Unsere Techniken, so stellt sich heraus, sind nur dann hilfreich, wenn die KlientInnen sie als bedeutsam und glaubwürdig ansehen. Therapiemodelle sind ausschließlich potentiell hilfreiche "Linsen", die dann miteinander geteilt werden, wenn sie zu dem ‚Bedeutungsrahmen‘ der KlientInnen passen und zu ihrer eigenen ‚Verordnung‘" (1999, S.433, Übers. W.L.).

Ist es das, was als sozusagen enigmatische Botschaft mitschwingt, als unausgesprochenes Zentrum, wenn die AutorInnen des RLI gelegentlich ein "altes" Leitmotiv aus selbstorganisationstheoretischen Überlegungen zur Sprache bringen: "Minimale Interventionen können unter bestimmten Systembedingungen zu großen, in kurzer Zeit sich selbst verstärkenden und stabilisierenden Veränderungen führen." (S.17). "Unter Umständen", das wird so leicht überlesen, "unter Umständen", der berühmte Flügelschlag des Schmetterlings, der "unter Umständen" ...... unter Umständen des Wahrgenommenwerdens, Ernst-genommen-werdens, des Entgegenbringens von Vertrauen, also unter Umständen glückender Interaktion etwas hervorbringt, was als Ergebnis einer Intervention so nicht hätte entstehen können. Schönen Gruß an die Emergenz!

Meine Einschätzung
Dies wäre also ein Hinweis zur Vorsicht beim Gebrauch des Inventars: Das Er-Raten von charakteristischen Verläufen lösungs- und ressourcenorientierten TherapeutInnen-Verhaltens ist nicht zwangsläufig gleichbedeutend mit Therapien, die von KlientInnen als solche eingeschätzt wurden. Es wäre m.E. ein grober Fehler, die Ergebnisse des RLI-Ratings als Erfolgsmessung zu verwenden. Dies, es sei unterstrichen, ist an keiner Stelle als Absicht der AutorInnen zu erkennen (und ist offensichtlich doch der Rede wert: Die Nachfrage nach Techniktraining in Lösungsorientierter Therapie ist erheblich, entsprechende How-to-Literatur verkauft sich wie von selbst!). Es wäre geradezu tragisch, wenn das vorliegende Instrumentarium als Mittel benutzt würde, die lösungsorientierte Idealline zu trainieren, das respektvolle Konzentrieren auf Fähigkeiten und Ressourcen der KlientInnen zu einer Ressourcen- und Lösungsattitüde zu manualisieren und womöglich "Abweichler" (Dissidenten, Häretiker, Störenfriede) auszugrenzen.

Trotz (oder wegen?) dieser Einschränkung möchte ich das vorgestellte Inventar nachhaltig als Reflexionshilfe empfehlen. Auf der Grundlage, das Therapeutendilemma zu akzeptieren und den Standard des eigenen Beisteuerns stets als frag-würdig zu betrachten, ist das RLI meines Erachtens hervorragend geeignet, eigene lösungs- und ressourcenorientierte Absichten, bzw. deren Umsetzung zu reflektieren. Die vorgestellten Items, Heuristiken und Faktoren machen Sinn. Sie operationalisieren das, was mit lösungs- und ressourcenorientiertem Vorgehen gemeint ist, sehr gut. Die Anwendung des Inventars kann in besonderem Maße helfen, das eigene Beisteuern zum Geschehen zu reflektieren und zu überprüfen. Es geht dann nicht mehr nur um das möglichst präzise Beherrschen von Vokabeln und Grammatik, sondern in erster Linie um die Sensibilität dafür, sich beim anderen lösungs- und ressourcenorientiert verständlich zu machen.

Literatur:

Hargens, J. 1995. . Kurztherapie und Lösungen - Kundigkeit und respektieren. In: Familiendynamik 20(1): 32-43.

Hargens, J. 1998. Von Lösungen zu Ressourcen oder: Wie lassen sich Haltungen operationalisieren? Und wie noch? Und was geschieht mit Problemen? In: Z.f. Systemische Therapie 16(1), pp. 4-8.

Hubble, M.A.; , B. L. Duncan & S. D. Miller [Hrsg.] 1999a: The Heart and Soul of Change. What Works in Therapy? Washington, DC: American Psychological Association,

Hubble, M.A.; , B. L. Duncan & S. D. Miller [Hrsg.] 1999b: Directing Attention to What Works. In: Hubble, M.A.; , B. L. Duncan & S. D. Miller [Hrsg.], pp. 407-447.

Kaimer, P. 1998. Lösungsfokussierte Therapie. http://www.uni-bamberg.de/˜ba2pk99/DOKUMENT/
STATESFT.HTM (Psychotherapie Forum, im Erscheinen)

Loth, W. 1998. Auf den Spuren hilfreicher Veränderungen. Das Entwickeln klinischer Kontrakte. Dortmund: verlag modernes lernen.

Loth, W. 1999. Systemische Hilfen als Kooperation nachweisen – "Kontraktorientierte Leistungsbeschreibung". In: Familiendynamik 24(3), pp. 298-319.

Loth, W. 2000. Alles im Wunderland? – Notizen von unterwegs. In: J. Hargens & W. Eberling (Hrsg.) Einfach kurz und gut. Teil 2: Ressourcen erkennen und nutzen. Dortmund: borgmann, S.37-57

Ludewig, K. 1998. Problem - Bindeglied klinischer Systeme. Grundzüge eines systemischen Verständnisses psychosozialer und klinischer Probleme. In: Reiter, L., E.J. Brunner & S. Reiter-Theil (Hg.) Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive. Berlin: Springer, pp. 231-249.

Ludewig, K. 1992. Systemische Therapie. Stuttgart: Klett-Cotta.

Miller, G. & S. de Shazer 1999. Lösungsorientierte Therapie als Gerücht. In: Familiendynamik 24(1), pp.4-28.

Miller, S.; B. Duncan & M.A. Hubble 1997: Escape From Babel. Towards a Unifying Language for Psychotherapy Practice. New York: Norton .

Schiepek, G. & P. Bauer 1998: Produktion und Beurteilung von "Qualität" in psychosozialen Einrichtungen. In: E.J. Brunner, P. Bauer & S. Volkmar (Hrsg.) Soziale Einrichtungen bewerten. Theorie und Praxis der Qualitätssicherung. Freiburg: Lambertus, pp. 16-53.

Schiepek, G; H. Honermann, P. Müssen & A. Senkbeil 1997: " Ratinginventar Lösungsorientierter Interventionen (RLI)." Die Entwicklung eines Kodierinstruments für ressourcenorientierte Gesprächsführung in der Psychotherapie. Z. f. Klinische Psychologie 26(4), pp.269-277.

Wolf, F. 1999. Persönliche Betrachtungen zum Thema Haltungen und Interventionen in der lösungsorientierten Kurztherapie. In: Systeme 13(1), pp. 15-23.

(August 1999)
Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach), e-mail: kopiloth@t-online.de

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