Rezension erschienen in "systeme" 12(1), 1998, pp.98-100

Scott D. Miller, Barry L. Duncan & Mark A. Hubble 1997.
Escape From Babel. Toward a Unifying Language for Psychotherapy Practice.
New York/ London: Norton, 244 S.

Miller, Duncan und Hubble haben in den letzten Jahren eine Reihe von Veröffentlichungen vorgestellt, deren Kernaussage darauf hinausläuft, daß die entscheidenden Wirkfaktoren von Psychotherapie sich schulenübergreifend mehr ähneln als unterscheiden. "Unser eigentliches Ziel ist es, KlinikerInnen unterschiedlicher therapeutischer Orientierungen eine Sprache zur Verfügung zu stellen, die es ihnen ermöglicht, sich über die entscheidenden Bestandteile helfender Beziehungen zu verständigen, mit anderen Worten: über das, was wirkt." (S.x, Übers. W.L.). Für den mittlerweile erreichten Grad der Differenzierung (und marktpolitisch motivierten gegenseitigen Abwertung) therapeutischer Schulen und deren kennzeichnenden Idiomen wählen sie die Analogie der babylonischen Sprachverwirrung. Ihr Plädoyer für eine gemeinsame und einigende Sprache wirkt kraftvoll, kenntnisreich, alltagstauglich und respektvoll.

Kennzeichnend für den Ansatz der Autoren ist es, daß sie ihr Vorhaben auf die "Ergebnisse von vierzig Jahren Psychotherapieforschung" aufbauen und mit einem geradezu aufklärerischen Gestus in Hinblick auf die Konsequenzen für die KlientInnen begründen. Kernstück ihres Rückgriffs auf die Forschung ist Lamberts Arbeit über die Implikationen der Ergebnisforschung für die Psychotherapie-Integration . Lambert schließt aus seinen Untersuchungen, daß "außertherapeutische Faktoren" (Merkmale der KlientInnen, ihrer Umgebung, inklusive daraus sich ergebender Zufälle und Zufälligkeiten) etwa 40% der Varianz von Psychotherapie-Ergebnissen erklären können. Weitere 30% gingen auf das Konto der Qualität der therapeutischen Beziehung, den Rest - jeweils 15% - teilten sich therapeutische Techniken sowie "Erwartungen, Hoffnung und Placebo". Aus einer solchen Perspektive vermögen Profilierungsversuche therapeutischer Orientierungen und Schulen leicht wie Hahnenkämpfe zu wirken oder auch wie: auf den Markt und seine Mechanismen zugeschnitten, jedenfalls nicht im eigentlichen Sinne "therapeutisch" wirksam.

Natürlich wird bei näherer Betrachtung deutlich - und das vermitteln auch die von den Autoren vorgestellten Anregungen für die Praxis -, daß weiterhin genügend Spielraum und Arbeit für TherapeutInnen bleibt. Es bleibt weiterhin ein Kennzeichen und Leistungsmerkmal professioneller therapeutischer Arbeit, gezielt, konsequent und respektvoll für Rahmenbedingungen zu sorgen, die das potentielle Wohlwirken der "außertherapeutischen Faktoren" zum Tragen bringen. Den Boden für eine respektvolle, aufmerksame und auf weitere Möglichkeiten hin orientierte therapeutische Beziehung zu bereiten, bleibt weiterhin eine zentrale Aufgabe für TherapeutInnen, ebenso wie die, KlientInnen in ihren Hoffnungen zu bestärken, sie dabei zu unterstützen, sich selbst als Quelle von wirksamen und hilfreichen Einflüssen zu erleben. Insofern überschneiden sich die von Lambert unterschiedenen hilfreichen Elemente von Therapie wohl teilweise erheblich. Der springende Punkt ist m.E. jedoch nicht das genaue Ausrechnen von Einflußgrößen, sondern eine Optik, die von der Autonomie der KlientInnen ausgeht und diese respektiert. Nicht zuletzt äußert sich diese Haltung darin, zu akzeptieren und darauf aufzubauen, daß es die KlientInnen sind, die schließlich entscheiden, ob etwas für sie hilfreich ist oder nicht.

Die Autoren illustrieren ihren Arbeitsansatz mit vielen Beispielen, Transkriptausschnitten und Praxisreflexionen. Bei aller "wissenschaftlicher" Verankerung und Bezugnahme wirkt der Text flüssig und ausgerichtet auf den Praxisalltag. Ich habe dieses Buch gespannt und immer wieder auch bewegt gelesen. Es hat mich ermutigt, weiter für eine psychotherapeutische Orientierung zu arbeiten, die auf Ressourcen setzt, eine Orientierung, die nützliche, "schöne" und respektvolle Zusammenarbeit im Auge hat, und die ökonomisch-politischen Sachzwängen die Vision entgegensetzt, gemeinsam etwas ausrichten zu können. Daß ich dies "am Tag danach" schreibe, am Tag nachdem der Deutsche Bundestag ein Psychotherapeutengesetz beschloß, das all denen einen Riegel vorschiebt, die über den Tellerrand schauen, mag Zufall sein, ist aber für mich nicht (mehr) selbstverständlich.

Wolfgang Loth, kopiloth@t-online.de

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