publiziert in: Beratung Aktuell 6(1): 60-61, 2005

Haim Omer, Arist von Schlippe 2004. Autorität durch Beziehung. Die Praxis des gewaltlosen Widerstands in der Erziehung.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 262 S.

Zwei Jahre nach ihrem ersten gemeinsamen Buch "Autorität ohne Gewalt" legen Haim Omer und Arist von Schlippe einen Folgeband vor, der Autorität mehr in Bezug auf einen "positiven", ausbaufähigen Aspekt diskutiert: Beziehung. Das "ohne Gewalt" des ersten Bandes wird nun ersetzt durch das Leitmotiv des "gewaltlosen Widerstands". Wilhelm Rotthaus weist in seinem Vorwort darauf hin, dass in den nun vorliegenden Ausführungen deutlicher als im Vorgängerband auf den Aspekt der Haltung Bezug genommen werde. Dies verringert das Risiko, die diskutierten Ideen in erster Linie als Techniken misszuverstehen. Die Autoren selbst kennzeichnen ihren Ansatz als den "Versuch, die Lehre des gewaltlosen Widerstands auf extreme Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen zu übertragen" (S.15). Sie wählen dazu einen selbstorganisationstheoretisch inspirierten Blickwinkel. Es gehe darum, einen Rahmen für die Möglichkeit konstruktiver Beziehungsentwicklung zu erarbeiten, bzw. zur Verfügung zu stellen. Aus systemischer Sicht gewinnen dabei die Bereitschaft zur Suche nach ausbaufähigen Ausgangspunkten und die Bereitschaft , das Geschehen in weitergehende soziale Bezüge einzubetten, eine entscheidende Bedeutung. Respektieren und öffentlich machen sind somit zwei Schlüsselbegriffe, die das Konzept tragen. Praktisch mündet das in ein unverdrossenes Bemühen um ein "Geflecht von Beschreibungen, in dem sich jeder Einzelne gut fühlen kann, im Wissen um die eigenen Möglichkeiten und mit einem guten Selbstwertgefühl versehen" (S.28).

Die wesentlichen Konzepte, wie "elterliche Präsenz", werden im vorliegenden Band kurz und schlüssig wiederholt. Auch viele der im ersten Band diskutierten Vorgehensweisen finden sich wieder. Somit können sich auch LeserInnen gut zurecht finden, die den Vorgängerband nicht gelesen haben. Umfangreicher diskutiert werden die Themen Gewalt gegen Geschwister, desweiteren Kinder, "die die Herrschaft im Haus übernehmen", und das Thema der Kooperation von Eltern und Schule. Viele Fallvignetten erläutern die vorgestellten Ideen nachvollziehbar. Deutlich wird, dass "gewaltloser Widerstand" ein klares und starkes Profil erfordert: "Empathie und Verständnis, so wichtig sie sein mögen, müssen neben eine klare Einstellung treten, die Gewalt als solche benennt und ihr entschlossen widersteht", heißt es an einer Stelle (S.37) und: "Jede Unterdrückung basiert auf einer stillschweigenden Zustimmung der Beherrschten" (S.48). Immer wieder geht es darum, gewalttätigem Verhalten sofort, eindeutig und nachhaltig zu begegnen. "Begegnen" sollte hier durchaus im Wortsinn verstanden werden. Begegnen ist etwas anderes als bekämpfen. Wenn schon kämpfen, dann um und für das Kind, nicht gegen es. Dies ist sicher leichter gesagt als getan. Die Anregungen der Autoren dürften sich dabei als hilfreich erweisen. Als Hilfsmittel aus dem "Notfallkoffer" werden u.a. das Sorgen für genügend inneren Abstand genannt ("das kalte Eisen" als wiederkehrendes Bild), sowie das tragfähige Vernetzen mit unterstützenden Personen aus Familie, Bekanntenkreis oder Gemeinde. Zur Unterstützung für betroffene und interessierte Eltern sowie andere Beteiligte findet sich im Anhang "Das Handbuch zum gewaltlosen Widerstand – Eine Anleitung für Eltern".

Erkennbar wird das Bemühen der Autoren, ihre Ideen zur Umsetzung des Konzeptes "gewaltloser Widerstand" von trivialen Verkürzungen abzugrenzen. Seinen deutlichsten Ausdruck findet dies m.E. im steten Betonen der Bedeutung von Respekt. Die Praxis gewaltlosen Widerstands wird immer wieder als "Respektarbeit" bezeichnet. Dass dies nicht nur ein Kernstück erzieherischen Wirkens in der Familie ist, sondern darüber hinaus auch ein politisch bedeutsames Thema, wird durch ein eigenes Kapitel "Gewaltloser Widerstand in der Gesellschaft" zu Recht unterstrichen.

Den Autoren gelingen viele alltagstaugliche und lebensvalide Beschreibungen, die Verhaltensanregungen plausibel rahmen, wie etwa: "Es genügt oft, wenn die Mutter oder Vater sagt: ‚Ich bin damit nicht einverstanden. Ich komme darauf zurück!’", eine selbst unter Stressbedingungen handhabbare Variante, zum "kalten Eisen" beizutragen (S.76). Oder bei sich widersprechenden Informationen zu sagen: "Wir können nicht beurteilen, ob alle Details wahr sind. Deshalb werden wir unsere Aufsicht und Überwachung intensivieren, sodass Dinge wie diese auf jeden Fall nicht passieren können!" (133). Dabei lassen die Autoren keinen Zweifel daran, dass es Arbeit macht, sich auf die geschilderten Ideen einzulassen. Wie schon im Vorgängerband werden keine Wunder versprochen. Auch gibt es noch keine stichhaltigen Aussagen zu Indikation und Kontraindikation, wie die Autoren selbst konzedieren. Es bleibt also noch genügend zu tun. Der vorliegende Band könnte dazu beitragen, zum Weitermachen (oder Beginnen) in schwierigen Zeiten zu motivieren.

Literatur:
Haim Omer & Arist von Schlippe 2002. Autorität ohne Gewalt. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)