Kurzfassung erschienen in Systhema, Bd. 14, 2000


Michael B. Buchholz (1999): Psychotherapie als Profession. Gießen: Psychosozial-Verlag, 373 S., DM 68,--

Zugegeben, es erscheint schon einigermaßen verrückt, sich nach den Zumutungen des neuen Psychotherapeutengesetzes beruflich noch für etwas anderes zu interessieren als für das möglichst schnelle Anpassen an die Vorgaben der Herrschenden oder aber für das möglichst bald beruhigende Vergewissern einer Heimat anderenorts. Und vermutlich gibt es bei solcherlei Verrücktheit nicht viele WeggefährtInnen. Wer sich dennoch traut, dürfte wohl auch noch neugierig sein auf Anregungen für Blicke über den Tellerrand.

Buchholz bietet mit diesem Buch eine solche Anregung. Luhmanns Systemtheorie und das Spektrum der Psychoanalyse bilden den Nährboden. Auf Luhmanns grundlegender System-Umwelt-Unterscheidung baut die Überlegung auf, Psychotherapie als "Profession" zu diskutieren und "Wissenschaft" in deren Umwelt anzusiedeln. Reiter & Steiner (1996) hatten diese Argumentation in ihrer Weg weisenden Arbeit "Profession und Wissenschaft" vorangetrieben. Buchholz greift beherzt an: "Will man der Psychotherapie wieder Luft verschaffen, dann muß man sie von der Umklammerung durch die bislang dominante wissenschaftliche Kontrolle befreien. Ich tue das mit der These, daß Psychotherapie keine Wissenschaft sei, sondern Profession. Das ist nicht gleichbedeutend damit, den Wegfall wissenschaftlicher Überprüfung zu fordern, sondern verlagert die Wissenschaft in die Umwelt der Profession." (22)

Während aus den Blickwinkeln der Wissenschaft nach dem gesucht wird, was als "wahr" oder "falsch" klassifiziert werden kann, gehört es zum Wesen der Herausforderungen an die Profession, "daß Wissen in einer gegebenen Situation nicht als "stabil" angesetzt werden kann, man vielmehr in ihr "mitschwimmen" muß, und daß die Beschreibung einer Situation den Professionellen mit einschließt." (139). Die Situationen, die die professionelle Praxis kennzeichnen, sind komplex, unsicher, instabil, einzigartig, sie erfordern Werte-Entscheidungen und können nicht vollständig beschrieben werden (S.193ff.). Wenn Buchholz als die Leitunterscheidung der Profession "Können/ Nicht-Können" annimmt, dann gehört es zum Kern des Könnens von Professionellen,  stets aufs Neue zu entscheiden, was sie "selbst wieder in einen handlungsfähigen Stand setzt." (61). "Professionell" sei es, so Buchholz folgerichtig, "eine Antwort auf komplexe, einzigartige und unsichere Situationen zu finden, von denen man selbst ein Teil ist" (203). Praktische Konsequenz: "Wenn man professionelles Können als Leitunterscheidung ansetzt, kann das nur so geschehen, daß dies Können nicht mit der Theorie beginnt, sondern mit der alltäglichen Kompetenz, die erforderlich ist, um in seinen Interaktionen zu bestehen." (344).

Dies alles diskutiert Buchholz in einer teilweise süffig zu lesenden Sprache, wortmächtig und wortspielererisch, seinem eigenen (und offensichtlich auch Freuds) Anliegen gerecht werdend, der Horizont von PsychotherapeutInnen solle weit über das berufliche Alltagsgeschäft hinaus gehen. Diese allgemeineren professionstheoretischen Diskussionen fanden mein uneingeschränktes Interesse. Ich kann mir gut vorstellen, daß die hier nur skizzierten Überlegungen eines Tages dabei helfen können, wieder Bewegung in den Bereich der Psychotherapie zu bringen. Vielleicht braucht es einfach noch einige Zeit, bis die Kritik an der "Strategie, spezifische Behandlungen für spezifische Störungen zu finden", weiterführendes Gehör findet und nicht mehr durch Anbiederung an lobbyistische Richtlinienzulassungs-Institutionen unterdrückt wird. Vielleicht besteht dann mehr Bereitschaft, sich der Erkenntnis zuzuwenden: "Der Lernschritt heißt hier nicht Ausbildung von Klassifikationsschemata für Krankheiten, sondern Wahrnehmungssteigerung für das Normale, Alltägliche und Durchschnittliche an jeder Störung" (345f.). Zukunftsmusik für die Zeit nach dem Überwintern!

Eher interessiert "von außen" blieb mein Blick auf des Autors argumentenreiche Auseinandersetzung mit seiner eigentlichen geistigen Heimat, der Psychoanalyse. Hier beeindruckt mich zwar, wie es Buchholz immer wieder gelingt, Freud als geradezu hellsichtigen Pionier vorzustellen, der es heutzutage mit den Hütern und Lobbyisten des Metiers sicherlich ebenfalls sehr schwer hätte. Andererseits scheint es in psychoanalytischen Kreisen noch notwendig zu sein, sehr dezidiert herauszuarbeiten und zu begründen, daß es sich bei Psychotherapie um ein interaktives Geschehen handelt. Es scheint einen (psychoanalytisch) schulenspezifischen Diskussionsbedarf zu geben, den Buchholz hier bedient. Andererseits dürfte es auch im Bereich Systemischer Therapie sinnvoll und notwendig zu sein, den erreichten Stand interaktionsspezifischer Kompetenz um die Aufmerksamkeit für die "ganze Person" zu erweitern. Vielleicht hilft dies dabei, auch auf Dauer der Versuchung zu widerstehen, systemische Blickwinkel in trivialisierende Konzepte interventionistischer Prägung zu übersetzen.

Buchholz nutzt die skizzierte professionstheoretische Perspektive, seine bereits in vielen Veröffentlichungen beschriebenen Ideen zur Metaphernanalyse zu rahmen. Metaphern beschreibt er als "das Sinnesorgan des Sozialen" (60) und "metaphorische Resonanzen" als Grundlage von Sinnentstehung. In Anlehnung an Freuds berühmtes Diktum konstatiert Buchholz als das Ziel des therapeutischen Dialogs: "wo Symptom war, wieder Metapher werden zu lassen" (205). Die Qualität der psychotherapeutischen Profession entscheide sich an der Frage, "ob und wie sie Metaphern analysiert" (254).

Das Buch läßt sich ohne Voraussetzungen wohl nicht leicht lesen. Wem Luhmanns Systemtheorie jedoch nicht fremd geblieben ist, wird hier interessante Anknüpfungen aufspüren können. Wer Psychoanalyse als einen Bereich kennenlernen will, der im Kern offensichtlich mit systemischen Annahmen kompatibel ist, wird ebenfalls fündig werden. Wer sich an sprachlicher Meisterschaft, wortwitzigen Anspielungen und umfassenden Weiterverweisungen erfreut, dürfte auf seine Kosten kommen. Wer einen einfachen Weg zum Ziel sucht, sollte besser woanders suchen. Der Weg zu einem Pfründe-überwindenden Verständnis von Psychotherapie ist dornig. Und genau hier vermisse ich auch eine deutlich politischere Tönung in Buchholz‘ Argumentation. Er bleibt - bei allem Querdenken - letztlich "im Rahmen". Ich frage mich, ob es nicht auch den Blick verstellt, wenn Buchholz so konsequent und ausschließlich gegen eine Vereinnahmung durch Wissenschaft argumentiert. Vielleicht geht es gar nicht so sehr um "die Wissenschaft", sondern darum, wer wie Wissenschaft benutzt (um etwas zu erreichen). Und so bleibt es für mich letztlich etwas unbefriedigend, wenn Buchholz lieber (und durchaus witzig und listenreich) "interne" metaphorische Verkürzungen auseinandernimmt, wie etwa "Psychotherapie ist Kommunikation", während andere "außen vor bleiben", wie etwa: "Psychotherapie ist ein Spielball von Lobbyisten" oder genauer: "Psychotherapie ist im Besitz der KV". Aber vermutlich läßt sich "von außen" nur schwer ermessen, welches Risiko Buchholz mit seinen Überlegungen eingegangen ist. Wie differenziert und engagiert seine Argumentation auch sein mag, ihr Schicksal wird durch die Kontexte geprägt, in der sie ihre Spielberechtigung einfordert. "Es versteht, wer versteht - aber jeder auf eine ihm eigene Weise", schreibt Buchholz zum Ende seines Buches (349), aber - so möchte ich hinzufügen - die einem eigene Weise ist womöglich weniger im Eigenbesitz als einem lieb ist (Kürzlich hörte ich von einem Bekannten, selbst das "Handelsblatt" zitiere seit einiger Zeit auffällig häufig Karl Marx....) Fazit: Thema und Buch sind wichtig. Beide sollten umfassend diskutiert werden.

Literatur:
Reiter, L. & E. Steiner 1996. Psychotherapie und Wissenschaft. Beobachtungen einer Profession. In: Pritz, A. (Hg.) Psychotherapie – Eine neue Wissenschaft vom Menschen? Wien: Springer, pp. 159-203.

Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach)

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