publiziert in: Systhema 17(1), 2003


Niklas Luhmann 2002: Einführung in die Systemtheorie (hrsg. von Dirk Baecker). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 347 S.

Man muss sich das vorstellen: wie Luhmann, nur gestützt auf eine Reihe von Stichworten und Zettel mit Zitaten, in überwiegend freier Rede das Auditorium in seine Überlegungen zur Systemtheorie nicht nur einführt, sondern vermutlich geradezu fesselt. Es gibt davon auch Hörcassetten, aber auch der verschriftlichte Text strotzt geradezu vor Witz, Souveränität und einer Unbändigkeit an Wissensdurst und Denklust, dass es einen mitreißt. Der Herausgeber, Dirk Baecker, geht davon aus, dass Luhmann selbst wohl kaum auf die Idee gekommen wäre, Transskripte seiner Vorlesungen (hier aus dem Wintersemester 1991/92) in Druck zu geben und in der Tat unterscheidet sich diese Einführung deutlich von eigens für den Druck geschriebenen Texten, wie etwa "Soziale Systeme", in denen sich die zentralen Überlegungen trockener lesen, ausführlicher, verknüpfter. Aber das ist natürlich relativ. Was sich Luhmann hier an Witz und Alltagsbezügen erlaubt, und vor seinen ZuhörerInnen "andenkt" ("ich weiß noch nicht, wohin das führt" oder "ich bin mir selbst nicht einmal so sicher, ob das letzten Endes überzeugt" u.ä.), hat bereits einen Grad an Durchdachtheit, Querverbindung (man möchte fast sagen: zum "Weltwissen") und Souveränität erreicht, den nicht viele erreichen. Man beneidet die, die es erleben durften. Im Kern geht es in dieser Vorlesung um die Ableitung und Fundierung eines Systembegriffs, der auf Differenz beruht: "Ein System "ist" die Differenz zwischen System und Umwelt" (S.66) und um die Konsequenzen, die sich anschließen. Und was es für das Weiterdenken bedeutet, wenn man diesen Ausgangspunkt wählt und nicht einen anderen. Vieles ist mittlerweile vertraut: die These der operativen Geschlossenheit von Systemen, Autopoiesis, strukturelle Koppelung, doppelte Kontingenz als Ausgangspunkt für Kommunikation, um nur einiges zu nennen. Das soll hier nur angedeutet und zur ebenso anregenden wie vergnüglichen Rekapitulation (aber insbesondere auch zum Einsteigen) empfohlen werden. Wohl wahr: jedermanns Sache ist das nicht und Luhmann zitiert selbst die Klage, "das sei fürchterlich abstrakt". Und er sieht auch das Bedürfnis nach etwas, woran man sich sozusagen halten kann und seufzt: "Man kann es hundertmal sagen, es ist vergeblich" (hier: "Der Beobachter ist nicht ohne weiteres ein psychisches System" (S.147)). Aber er sagt auch: "Leben ist eine robuste Erfindung. Kommunikation ist eine außerordentlich robuste Operation - man kann immer noch etwas sagen, wenn man in Schwierigkeiten kommt" (S.138). Luhmann als Berater in Lebensfragen? Auszuschließen ist das nicht, man darf sich nur nicht abschrecken lassen.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)