Publikation in: Systhema 19(2), 2005

Niklas Luhmann 2005: Einführung in die Theorie der Gesellschaft (hgg. von Dirk Baecker). Heidelberg: Carl-Auer-Systeme, 336 S.

Ein weiteres Mal hat Carl Auer das Transkript einer Vorlesungsreihe von Niklas Luhmann publiziert, wieder von Dirk Baecker herausgegeben, mit einem anregenden Vorwort versehen und mit Literaturhinweisen ergänzt. Es handelt sich um die letzte, von Luhmann im Wintersemester 1992/93 gehaltene Vorlesung. Sie bietet einen Einstieg in seine Theorie der Gesellschaft, die er konsequent aus einer systemtheoretischen Sicht ableitet. Gesellschaft definiert Luhmann als ein soziales System, das sich mit Hilfe von Kommunikation, seiner kennzeichnenden Operation, fortwährend selbst erschafft. Das ist spannend und hat Konsequenzen: "Die Spezialität dieser Vorlesung ist das Problem eines Systems, das alle sozialen Kommunikationen einschließt, aber alles andere auch ausschließt", heißt es (S.23). Und schon ist zu fragen: "Was ist nicht gemeint, wenn von Kommunikation die Rede ist?" und die im Zusammenhang mit der Luhmann-Diskussion immer wieder schärfste Frage ist dann die nach "dem Menschen". Und schon wieder eine Unterscheidung: Während Luhmann "den Menschen" ausschließt aus dem Bereich, der sich durch Kommunikation kennzeichnet, schließt er die Möglichkeit eines konkreten, benannten Menschen wieder ein: "Die Systemtheorie hat keine Schwierigkeiten, irgendeinen Menschen zum Ausgangspunkt zu nehmen, zum Beispiel mich und alles andere ist dann Umwelt (...) Aber es muss immer ein konkretes System sein. Denn wenn man von "dem" Menschen spricht, weiß man gar nicht, was gemeint ist, wenn man systemtheoretisch denkt" (S.51). Immer wieder wird deutlich: "Die Wahl einer Systemreferenz hat Konsequenzen!" (S.52), vielleicht auch die: "Wenn wir auf die Differenz abstellen, ist es nicht so tragisch, wenn wir sagen, der Mensch gehört zur Umwelt der Gesellschaft. Es ist damit weder bestritten, dass es Menschen gibt, noch ist damit gesagt, dass er für die Gesellschaft bedeutungslos sei. Es ist nur gesagt, dass das, was ein Mensch für eine bestimmte Gesellschaft bedeutet, sich über Kommunikation bemerkbar machen muss" (S.60). Und während man als Leser noch staunt über die Nonchalance und Überzeugungskraft des Arguments, erwischt einen die Bemerkung: "Wenn Sie sich das sorgfältig überlegen, bin ich fast sicher, dass Sie sich außerhalb der Gesellschaft wohler fühlen als innerhalb der Gesellschaft" (S.60f.).

So zieht sich das durch das ganze Buch. Eins greift ins andere. Luhmann diskutiert das unter den Überschriften "Die Gesellschaft als soziales System", "Kommunikationsmedien", "Evolution", "Differenzierung" und "Selbstbeschreibung" . Die damit verbundene Einladung, sich die "für die Gesellschaft selber unfassbare Komplexität als Ausgangspunkt" zu verdeutlichen, könnte allzu leicht überfordern, wird jedoch abgefedert durch die ebenso unaufgeregte wie humorvolle Weise, in der Luhmann das entstehende Gedankenlabyrinth kommentiert. Souverän: Luhmanns Sprache, und immer wieder der Bezug zum Alltagsleben, und sei es Bielefeld, dieser Mikrokosmos, schade, dass der Ort nicht im Register auftaucht (die Welt: ein biele Feld...). Die Lektüre hat mich manchmal in eine Art tranceartige Neugier hineingezogen, wie das denn nun wohl weiter geht, wie das wohl Sinn macht. Es ist dabei nicht so sehr die (vermutliche) Illusion eines anhaltenden Wissensgewinn, der mir das Buch so spannend machte, sondern die teilweise mitreißende Vorstellung, Zeuge zu sein, wie jemand vor Komplexität nicht kapituliert, sondern sich ihrer in Annäherungen vergewissert. Wie jemand sich durch einen Kosmos von Möglichkeiten und Querverbindungen hindurchfindet, immer wieder auch die Vorläufigkeit des Gedachten mit einbezieht: ein Vorbild für den konstruktiven Umgang mit Kontingenz. Das ausgebreitete Multiversum ist stupend, erträglich gemacht durch den Respekt, der sich einstellt angesichts der selbstbewussten Bescheidenheit, mit der Luhmann sich als einen Vorantastenden kenntlich macht, der sich der Vorläufigkeit seiner Schlussfolgerungen bewusst ist.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)