publiziert in: systeme 18(1), 2004, pp.81-82

Eve Lipchik 2002: Beyond Technique in Solution-Focused Therapy. Working with Emotions and The Therapeutic Relationship. New York: Guilford Press, 230 S., $ 33,--

Lösungsorientierte Therapie sei zwar mittlerweile weltbekannt, werde aber häufig missverstanden oder sogar trivialisiert. Dies sei das Ergebnis einer Überbetonung von Technik auf Kosten eines theoretischen Rahmens. Eve Lipchik, eine der MitbegründerInnen des BFTC in Milwaukee [1] macht keinen Hehl daraus, dass sie diese Entwicklung für falsch hält. Sie hat in früheren Veröffentlichungen vor der "Hast kurz zu sein" gewarnt [2] und die Maxime ausgegeben, gute Therapie wisse, wann die Regeln außer Kraft gesetzt werden müssten [3].

In ihrem nun vorliegenden Buch stellt die Autorin ihr Konzept vor, in der Hoffnung, dies möge TherapeutInnen anregen, wieder mehr darüber nachzudenken, "warum sie tun, was sie tun, wenn sie mit KlientInnen sprechen". Natürlich kommen dabei auch Techniken zur Sprache, kaum andere als die aus der kursierenden Fülle bekannten, jedoch in einer Art und Dosierung, die deutlich macht, dass hier die Form nicht die Substanz dominiert.

Bei der Darstellung und Diskussion lösungsorientierter Therapie im Sinne de Shazers könne leicht das Missverständnis auftreten, dass Fragen zu stellen das einzige sei, was TherapeutInnen zu tun hätten. Dies sei, sagt Lipchik, "natürlich nie die Absicht gewesen". Stattdessen heißt es: "Jede gute Therapie findet in einem Kontext vertrauensvoller Beziehungen statt. Die spezifische Art und Weise, in der TherapeutInnen diese Beziehung anleiten [4], hängt von ihrer jeweiligen theoretischen Orientierung ab" (S.9) [5]. Lipchik spricht hier tatsächlich von "Beziehungen anleiten". Das dürfte etwas irritieren angesichts der betonten Verschiebung des Schwerpunktes von Technik zur Therapeut-Klient-Beziehung , und auch wegen des mehrfachen Bezugs auf Maturanas Konzept der strukturellen Koppelung. Die Beziehung anleiten kann hier also nur im Sinne von Kontextsteuerung gemeint sein. Es wird durchgängig deutlich, dass Lipchik bei allem Bezug auf Maturana, auf konstruktionistische und collaborate language Ansätze die Aufgabe von TherapeutInnen als eine sehr verantwortliche beschreibt. In allen Fallbeispielen und in allen Reflexionen wird ihre Haltung spürbar, die Ereignisse zwar nicht einseitig bestimmen zu können, aber alles in ihrer Kraft stehende dazu zu tun, die Wahrscheinlichkeit für konstruktive Entwicklungen zu fördern. Dies wird für dramatisch klingende Krisen ebenso demonstriert wie für komplexe Konstellationen.

Was das "Arbeiten mit Emotionen" betrifft, worauf ja der Buchuntertitel neben der therapeutischen Beziehung besonders verweist, so scheint mir, dass Lipchik hier weniger ein vertieftes Konzept emotionaler Prozesse beschreibt, sondern dass sie lösungsorientiertes Arbeiten einfach "runder" beschreibt, intuitiv "vollständiger" verstehbar als es die Lektüre der bislang dominierenden Varianten De Shazer’scher Prägung vermitteln. Die meisten KlientInnen beschreiben ihre Probleme tatsächlich eher in Bezug auf Empfindungen. Und Therapeut-Klient-Beziehungen ohne Worte für das, was da auch emotional geschieht, können leicht so wirken, als gehe es darum, sich wechselseitig Variationen von Sekundärtugenden zur Verfügung zu stellen. Lipchik bringt dem gegenüber wieder Primärtugenden nach vorne: Ja, Emotionen anzusprechen und sich darauf einzustimmen ist in Ordnung und ein selbstverständlicher Bestandteil eines genuin lösungsorientierten Vorgehens. Eine Entmystifizierung und Normalisierung des lösungsorientierten Ansatzes scheint mir das zu sein. In einfachen Sätzen lassen sich auf dieser Grundlage lösungsorientierte Essentials geradezu menschenfreundlich vermitteln: "KlientInnen, nicht TherapeutInnen bestimmen, ob sie über Lösungen reden wollen" (S.47). Oder: "Die Lösung wird in irgendetwas bestehen, was die KlientInnen zu einer gegebenen Zeit als etwas erleben, was ihre Situation weniger problematisch oder unproblematisch macht" (S.79). Und hinsichtlich Zielen: "‘Ziele zu klären‘ ist ein Prozess, der in der ersten Sitzung beginnt und bis zum letzten Gespräch andauert. Es verlangt nach einer andauernden Aufmerksamkeit für die KlientInnen um sicher zu gehen, dass wir auf der gleichen Spur sind wie sie" (S.80). So geht es während der gesamten Lektüre: man kennt es (als lösungsorientiert Orientierter) und liest es mit Erleichterung wie neu. Was darüber hinaus beeindruckt, ist die offene, sich weder in ihren Zweifeln noch in ihrem Selbstbewußtsein verleugnende Art, in der sich Eve Lipchik als völlig präsente professionelle Helferin erkennbar werden lässt. Selten fand ich ein Wort der Vorsicht so beruhigend und aufmunternd gleichzeitig: "Als TherapeutInnen sollten wir nicht erwarten, dass unsere Arbeit sich als ein leichter Ritt herausstellt. Daher müssen wir dauernd auf der Suche nach Wegen sein, wie wir diesen Ritt abfedern können – für unsere KlientInnen und für uns selbst" (S.23).

Anmerkungen

[1] Lipchik, E. (Ed.) 1988. Interviewing. Rockville, Md.: Aspen
[2] Lipchik, E. 1994. Die Hast, kurz zu sein. Z.f.Systemische Therapie 12(4): 228-235
[3] Lipchik, E. 1996. Mr. Spock Goes to Therapy. Good Therapy means knowing when to break the rules. The Family Therapy Networker Jan/Feb 1996: 79-87
[4] im Original: "in which the therapist guides that relationship"
[5]Alle Übersetzungen: W.L.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)