Publikation in: systeme 19(1), 2005, pp.145-146

Jürgen Hargens (Hg.) 2005. "... und mir hat geholfen..." Psychotherapeutische Arbeit was wirkt? Perspektiven und Geschichten der Beteiligten. Dortmund: borgmann, 240 S.

Jürgen Hargens zitiert in seinem einleitenden Beitrag eine Klage über das "Schweigen der KlientInnen in der therapeutischen Literatur" und sieht hier zu recht einen Widerspruch zwischen diesem Schweigen und der mittlerweile umfangreichen Literatur zu KlientInnenvariablen, insbesondere zum Zusammenhang von Therapieerfolg und der Einschätzung der therapeutischen Bemühungen durch die KlientInnen selbst. Hargens hat in diesem Zusammenhang den Begriff der Kundigkeit immer wieder in den Mittelpunkt seiner Argumentation gestellt und seine Arbeit daran ausgerichtet. "Kundigkeit", so schreibt er, "bedeutet, dass die Person das Potential, die Fähigkeit und das Vermögen besitzt, eigene Ziele zu definieren, zu präzisieren und zu erreichen. Das schließt für mich ein, dass diese Kundigkeit nicht bedeutet, dieses Vermögen jederzeit benutzen zu können, ähnlich wie ein Talent auch der Übung und des Trainings bedarf" (S.14f., Hervorh. im Orig.). Mit diesem Buch nun hat Hargens ein Projekt auf den Weg gebracht, in dem TherapeutInnen/BeraterInnen und die Personen, die um Hilfe nachgefragt hatten, zu Wort kommen und jeweils aus ihrer Sicht den Rahmen, den Verlauf und das Ergebnis der Arbeit beschreiben und kommentieren. Das bringt teilweise überraschende, teilweise amüsante, stets jedoch mit Sympathie und Respekt einher gehende Wendungen mit sich.

Hargens ist es gelungen, KollegInnen aus unterschiedlichen Arbeitsbereichen zur Mitarbeit zu gewinnen, diesen wiederum, die Personen, mit denen sie in Therapie und Beratung zusammen an Lösungen gearbeitet haben, die Mitarbeit an diesem Buch nahe zu bringen. Das ist, man kann es nachvollziehen, nicht immer so ohne weiteres möglich gewesen und dass es gelungen ist, kann vermutlich zu einem großen Teil auf die respekt- und vertrauensvolle Beziehung der beteiligten Personen zurückgeführt werden. In der Regel stellen die Beiträge der BeraterInnen/TherapeutInnen den umfangreicheren Teil der Beschreibungen. Es entsteht dennoch ein lebendiges Bild der jeweiligen Prozesse. Inhaltlich kommen Beispiele aus einer niedergelassenen Praxis zur Sprache , aus Tagesklinik und psychiatrischer Praxis, eine Therapie zu Essproblemen, eine Paartherapie, Skizzen aus dem Alltag einer Beratungsstelle, zu Erziehungsbeistandschaft und ein Beitrag zu Training und Ausbildung. Besonders interessant fand ich den Beitrag von Cornelia Tsirigotis, die zusammen mit Frau L. einen "Beratungsprozess im Kontext von Hörschädigung und CI-Rehabilitation zwischen Intuition und Selbstorganisation" reflektiert. Dieser Beitrag scheint mir ein besonders gelungenes Beispiel für den Versuch zu sein, so etwas wie ein störungsspezifisches Ressourcenwissen zu entwickeln. Es kommen dabei einige spannende Überlegungen zur Sprache, wie die relativ abstrakten Begriffe der Selbstorganisationstheorie praxisrelevant übersetzt werden können. Dies geht zwar über das Anliegen des vorgestellten Buches hinaus, korrespondiert jedoch nachvollziehbar mit dem von Frau L. beigesteuerten Kommentar zur vorgestellten Zusammenarbeit.

Im letzten Teil des Buches werden einige Fragebögen zur Verfügung gestellt, mit deren Hilfe ein niedrigschwelliges und unmittelbares Feedback erfasst werden kann, sowohl im Hinblick auf die wahrgenommene Beziehung, als auch im Hinblick auf das Ausmaß, in dem das Vorgehen aus Sicht der KlientInnen zum Erreichen von Zielen beiträgt. Die Fragebögen sind zum Kopieren für den persönlichen Gebrauch frei gegeben.

Das Buch trägt nicht nur dazu bei, eine Lücke in der Literatur zur Wirkung professioneller psychosozialer Hilfen zu schließen, sondern überzeugt auch durch seine durchgängig respektvolle und frische Art. Wer einen möglichst unverstellten Blick auf das Praxisgeschehen für hilfreich hält, in dem die Sicht der Hilfesuchenden und deren Bedeutung für den Erfolg der Zusammenarbeit kenntlich wird, dürfte sich mit diesem Buch sehr gut bedient fühlen.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)