Rezension erschienen in "systeme" 11(29, 1997, pp.78-79

Joachim Hesse (Hrsg.) 1997. Systemisch-lösungsorientierte Kurztherapie
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 149 S.

Im Oktober 1995 organisierte Joachim Hesse ein Symposion in Köln mit dem Ziel, lösungsorientierte Kurztherapie und deren systemische Grundgedanken einem breiteren Publikum vorzustellen. Offensichtlich traf er mit diesem Vorhaben auf ein weitverbreitetes Interesse. An die tausend TeilnehmerInnen sorgten dafür, daß kurzfristig ein größerer Veranstaltungsort gesucht werden mußte. Das vorliegende Buch präsentiert nun die Beiträge dieses Symposions.

Der Buchumschlag verspricht die "weltweit führenden Vertreter der systemischen Kurztherapie" in diesem Buch zu Wort kommen zu lassen. Da Steve de Shazer und Paul Watzlawick ihre Sicht der Dinge darlegen, stimmt diese Ankündigung natürlich, aber Gunther Schmidt, Luc Isebaert und Joachim Hesse selbst mit dieser Weltliga-Metapher zu stressen, geht wohl etwas zu weit, gerade weil sie - im Unterschied zu ihren weltberühmten Kollegen - den Kontakt zum eher alltäglichen und gesellschaftsspezifischen Arbeitsleben wesentlich einfacher knüpfen können. Und wie Günter Schiepek als Forscher, Manfred Lütz als Theologe und Paul Lubecki als Vertreter einer Krankenkasse unter die Verlagsankündigung passen könnten, bleibt ungeklärt.

Wenn man von diesen Umständen absieht und das Buch als das nimmt, was das Symposion versprach ("Ansatz einem breiteren Publikum bekannt machen"), dann entwickelt dieser schmale Band ein durchaus bemerkenswertes Gewicht. Da gibt es zwischen den Zeilen nicht nur die Unterschiede zwischen de Shazer und Watzlawick zu erkennen, sondern auch deren Bemühen mitzuverfolgen, in diesem Kontext die Gemeinsamkeiten und wechselseitigen Bezüge zu betonen. Anregend war für mich auch Schmidts nachdrückliche Betonung der Bedeutung des Kontextbezuges bei lösungsorientierter Arbeit und sein Plädoyer für die "Wertschätzung für das bisherige Problemerleben auf seiten der Klienten". Schiepeks Skizze zu Fragen der Evaluation lösungsorientierter Kurztherapie dürfte den Tenor des Gutachtens enthalten, mit dem der Antrag auf Zulassung Systemischer Therapie als Richtlinienverfahren begründet werden soll. In diesem Zusammenhang erweist sich natürlich auch der Beitrag des Vertreters der Krankenkassen als spannende Lektüre. Es wird deutlich, daß Systemische Therapie auf keine Sonderbehandlung hoffen kann, trotz der vordergründigen Sympathie von Kassen für die vorgetragenen Konzepte. Zu deutlich wird das Festhalten an der Idee der Urteilsbildung durch externe ExpertInnen. Da deutet sich so etwas wie die Quadratur des Kreises für systemisch inspirierte Forschung an, auch wenn Gunther Schmidt in der abschließenden - ebenfalls dokumentierten Diskussion - flexibel die Berücksichtigung von (und in diesem Fall ad absurdum geführten) Kontextprämissen beschreibt.

Das Buch wird Fortgeschrittenen eher wenige neue Einsichten vermitteln, aber sicher das Auffrischen mit einigen Bonmots und gelungenen Definitionen lohnen. Wer den Ansatz kennenlernen möchte und einen ersten Überblick über Prämissen, Trends und Konsequenzen bekommen möchte, ist mit diesem Buch gut bedient. Es vermittelt sowohl einen Einblick in die Entstehungsgeschichte lösungsorientierter Ansätze, Anregungen zur Einbettung in philosophisch-kulturelle Bezüge (Hesse) als auch einen anregenden Überblick über die Palette der gegenwärtig dominierenden Trends der Szene. Die Spannung hinsichtlich der zukünftigen gesundheitspoltischen Entwicklung findet ebenfalls ihren Ausdruck. Seinem Anspruch, den Ansatz einem breiterem Publikum zugänglich zu machen, sind Symposion und Buch gleichermaßen gerecht geworden.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach

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