publiziert in: Systhema 6(1): 70-71, 1992

Günter Schiepek (1991): Systemtheorie der Klinischen .Psychologie. Beiträge zu ausgewählten Problemstellungen.
Braunschweig: Vieweg. 429 S.

Günter Schiepek gehört zu denjenigen Autoren, die mit Nachdruck darauf hinarbeiten, den Entwicklungen systemischer Praxis, Theorienbildung und Forschung im Kontext wissenschaftlicher Profilierung Gehör zu verschaffen, und sie zu verankern als bedeutsamen Fokus dieser Diskussion (z.B. 1986, 1987~ Böse & Schiepek 1989). Im vorliegenden Buch unternimmt der Autor nun eine umfangreiche Standortbestimmung und lädt dazu ein, Grundlagen, Implikationen, Widersprüchliches, Missverständnisse, Konsequenzen und Ausblicke der Umsetzung systemtheoretischer Ideen in die klinische Praxis zu bedenken. Grundtenor ist dabei das Ausgehen von "Therapie als Kontextsteuerung", das verantwortliche Bereitstellen von Rahmenbedingungen für die Möglichkeit selbstorganisierter Änderungsprozesse, sowie das durchgängige Berücksichtigen damit einhergehender Risiken. "Ziele" und "Planung" werden m diesem Zusammenhang zu wichtigen Eckdaten, und 'Schiepek untersucht sie eingehend' im Hinblick auf damit verbundene Möglichkeiten und auch auf einschränkende Begleiterscheinungen. Indem auf Analogien aus dem Bereich politischer Themen und großindustrieller Projekte verwiesen wird, gewinnt die Darstellung auch Relevanz über den eher engen Therapierahmen hinaus.

Schiepek gelingt es dabei m.E. überzeugend, sowohl vorsichtig, als auch anregend zu argumentieren. Er schöpft offensichtlich aus einem großen Wissensfundus, und es gelingt ihm immer wieder, systemtheoretisch fundierte Positionen zu anderen Denktraditionen in Beziehung zu setzen.

Insbesondere in Bezug auf Modellbildung beschreibt Schiepek eine Vielzahl von Kriterien, die bei der Einschätzung angebotener oder eigener Vorstellungen über Zusammenhänge hilfreich sein können. Zusätzlich zu gestrafften. Überblicken über Modellbildungs-Verfahren wie etwa die Strukturschaubilder nach Minuchin, Strukturanalyse von Lern- und Leistungsstörungen nach Betz & Breuninger, widmet der Autor Planspielen (zu vernetztem Zusammenarbeiten in einem Fall) und Computersimulation (zur Depressionsentwicklung) jeweils ein eigenes Kapitel. Wie man sich dem Phänomen "Burnout bei klinisch-psychologischen Praktikern" aus systemischer Sicht annähern könnte, vermittelt ebenfalls ein eigenes Kapitel.

Obwohl der dargebotene Stoff in seiner Fülle und Komplexität natürlich oft sperrig und als "harte Nuss" wirkt, gefällt mir an Schiepeks Darstellung, daß er immer wieder die geplagten LeserInnen mit einbezieht, sie häufig direkt anspricht, mit oft humorvollen Bonmots zur Entspannung anregt, und immer wieder erfrischend "normal" wirkende Kommentare einstreut. Dem entspricht die Gesamtaufmachung des Buches mit vielen Graphiken, Skizzen und Abbildungen, die einzelne Überlegungen gelegentlich witzig auf den Punkt bringen. Insgesamt erweist sich das Buch für mich als ein anregendes Nachschlagewerk, und als hilfreicher Wegweiser im Gestrüpp der system(theoret)ischen Beiträge. Leider ist der Preis des Buches so hoch, daß man ihm wahrscheinlich nur eine rege Bibliotheksbenutzung wünschen kann.

Literatur:
G. Schiepek (1986). Systemische Diagnostik in der klinischen Psychologie. Weinheim/ München: PVU.
G. Schiepek [Hrgb.] (1987). Systeme erkennen Systeme. Weinheim/ München: PVU.
R. Böse &: G. Schiepek (1989). Systemische Theorie und Therapie. Ein Handwörterbuch. Heidelberg: Asanger.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)