erschienen in: Systhema 18(2), 2004, pp.241-242

Bob Bertolino 2003: Change-Oriented Therapy with Adolescents and Young Adults. The Next Generation of Respectful Processes and Practices. New York, London: W.W.Norton, 218 S., £ 25,00

So weit muss es nun doch nicht gehen, dass ein neues Buch schon eine nächste Generation verkörpert (oder eine neue: Auf dem Schutzumschlag ist es "a new generation", die da zu Wort komme; wie wär’s mit "My Generation", Who’s immortal…?). Abgesehen von dieser Vollmundigkeit handelt es sich bei der vorliegenden Publikation um eine, deren Autor und dessen KlientInnen man beneiden möchte. Da kommt die Kernbotschaft ressourcenorientierten Vorgehens so durchdacht und ebenso verständlich rüber, dass es eine Freude ist. Bertolino schöpft aus dem Vollen seiner langjährigen Erfahrungen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit Krisen- und "rund-um-die-Uhr"-Kontexten. Eine Unzahl von Beispielen, in Ausschnitten transkribiert, belegt das eindrücklich.

Der Autor selbst hat als Leitmotiv seines Buches die Veränderungsorientierung des beschriebenen Ansatzes gewählt. Im Einklang und mit Bezug auf neuere Forschung zur Bedeutung von allgemeinen Psychotherapiefaktoren, besonders der KlientInnenvariablen, definiert er jede Veränderung als Selbstveränderung. Daraus folgt: "Veränderungsorientierte Therapie verkörpert Prozesse, die helfen, interne Stärken und externe Ressourcen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zu identifizieren, auf sie zu bauen, und deren Fähigkeit zu unterstützen, aus Entwicklungsphasen ‚herauszureifen’, sich spontan zu verändern, die Herausforderungen und Irritationen des Lebens zu meistern, Probleme zu überwinden und passende Lösungen zu finden" (S.29, Übers. W.L.). Es gibt viele praktischen Anregungen zu lesen, wie TherapeutInnen zu diesem Geschehen beisteuern können. Vieles klingt einfach und ist dennoch keine Technik. Es braucht die Bereitschaft, sich immer wieder neu auf die jeweiligen Menschen einzustellen, ihren Besonderheiten zu vertrauen, das eigene Vorgehen vertraut zu machen, so dass es als Einladung glaubwürdig wird. Das Buch könnte auch "1001 Wege mit jungen Leuten zu kooperieren (und mit ihren Familien)" heißen. Das ist es, was Bertolino lebendig, nachhaltig, überzeugend vorstellt.
Selbst das "Drehtür"-Argument, früher ein disqualifizierender Vorwurf, erhält auf diese Weise eine befreiende Wirkung: Das "raus und rein" ist hier nicht Beleg für mangelnde Effektivität, sondern eine Beschreibung dafür, dass es Ratsuchende ernst meinen mit ihren Anliegen: sie suchen Hilfe, wenn sie sie brauchen, machen sich wieder kundig und gehen wieder ihres Weges, und wenn sie wieder ein Anliegen haben, greifen sie Möglichkeiten zur Hilfe wieder auf. Respekt!

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)