publiziert in: Systhema 18(3):341-342, 2004

Andreas Bürgi & Herbert Eberhart (2004): Beratung als strukturierter und kreativer Prozess. Ein Lehrbuch für die ressourcenorientierte Praxis.
Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 274 S.

"Das Spannungsfeld zwischen Planbarkeit und Überraschung ist ja gerade in unserer Zeit ein brennendes Thema", schreibt Jürgen Kriz in seinem Vorwort zu diesem Buch. Wohl wahr, und so erscheint eine Vorstellung von Beratung als einem sowohl strukturierten wie auch kreativen Prozess geeignet, sich in einem Spannungsfeld von "Nichtwissen" und "Verantwortung" zurechtzufinden. Dass die Autoren ihren Ansatz darüber hinaus auch noch zu einem "Lehrbuch für die ressourcenorientierte Praxis" verdichten wollen, steigert die Erwartungshaltung und macht natürlich anfällig. Ist es ein Lehrbuch geworden? Ich denke, dass EinsteigerInnen in die Thematik wirksam profitieren dürften von diesem Buch. Sozusagen von der "Pike auf" werden Essentials für konstruktive Beratung vorgestellt und immer wieder mit Praxisbeispielen verdeutlicht. Eine "integrative Haltung" durchzieht das Buch und so kommen Anregungen aus klientzentrierter, neurolinguistischer, lösungsorientierter und auch tiefenpsychologischer Sicht zur Sprache. Gut strukturiert ist das Ganze auch, ermöglicht themenspezifisches Vertiefen und nimmt EinsteigerInnen an die Hand ohne sie zu bevormunden. Das Zusammenspiel von Kreativität und Strukturierung kommt tatsächlich zur Geltung.

Die beiden Autoren sind seit "35-40 Jahren im Beratungsgeschäft". Sie müssen nichts mehr beweisen und entwickeln daher die nötige Ruhe und Abgeklärtheit, die das Abstecken von Claims nicht mehr nötig hat. Deutlich wird, dass "Gutí Ding Weile" und langen Atem hat: das TOTE-Modell von Miller et al. und Kaminskis Modell der Beratungsplanung von 1970 kommen zu Ehren und bilden Grundlagen für ein aktuelles Modell lösungsorientierter Beratungsplanung. Bürgi und Eberhart zeichnen ein unaufgeregtes Bild einer Beratungspraxis, in der Begegnung im Mittelpunkt steht, die wiederum die Grundlage eines allgemeinverständlichen und lebenspraktischen Gesprächs bildet, in dem sich Lösungen herausbilden können. "Der Mensch ändert sich nur, wenn ihm bessere Alternativen offen stehen", heißt es an einer Stelle (S.184). Die Autoren behaupten nicht, dass sie die besseren Alternativen immer wüssten, aber ihr Stil vermittelt den deutlichen Eindruck, dass sie in erheblichem Maß dazu beitragen können. Und noch etwas Lebenspraktisches: "Es ist oft von Intuition die Rede, die einen fehlgeleitet habe, wenn Ratsuchende es schlicht unterlassen haben, sich ernsthaft mit einer Sache auseinanderzusetzen" (S.174). Dies nicht herabsetzend zu werten, sondern gelassen als Ausgangspunkt zu akzeptieren und dann kreativ und strukturiert weiter zu machen, ist eines der alltagsvaliden Kennzeichen ressourcenorientierten Arbeitens. Bürgi und Eberhart haben dieser Perspektive mit ihrem Buch einen sehr brauchbaren Dienst erwiesen.

Wolfgang Loth (kopiloth@t-online.de)

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