Publiziert in: J. Hargens & W. Eberling (Hrsg.) 2000. Einfach kurz und gut. Teil 2: Ressourcen erkennen und nutzen. Dortmund: borgmann, S.37-57


Alles im Wunderland? - Notizen von unterwegs -

Wolfgang Loth

Es hat sich was getan

In einem Buch mit dem Titel "Einfach, kurz und gut" eher vorsichtig über Lösungsorientierte Kurztherapie nachzudenken, mag verwundern. Aber gerade weil sich mit dem Namen, den sich das Verfahren gemacht hat, so gut Werbung machen läßt, gerade weil es so gut in die gesellschaftlich-ökonomische Landschaft paßt, gerade deshalb möchte ich den nachdenklichen Teil nicht denen überlassen, die auch den Prämissen Lösungsorientierter Kurztherapie nichts abzugewinnen vermögen.

So gesehen: Was hat sich denn getan? Lösungsorientierte Kurztherapie ist offensichtlich gesellschaftsfähig geworden. Sie hat sich einen Namen gemacht als ein Verfahren, mit dem in kurzer Zeit zu gelingen scheint, wozu andere erheblich mehr Aufwand betreiben müssen. So angenehm sich dieses Image auch auswirken mag, es kehrt wahrscheinlich den Umstand unter den Teppich, daß ihm eben nicht das gelingt, wozu andere viel mehr Aufwand betreiben müssen. Es gelingt ihm etwas anderes! Und dieses andere ist letztlich nicht billiger zu haben als das Herkömmliche. Aber vieles spricht dafür, daß die Folgekosten geringer sind.

"Einfach ist nicht leicht", bringt es Steve de Shazer (1996b) auf den Punkt. Und auch im Wunderland geht nicht alles "wie von selbst". Erst recht bedeutet Wunderland kein topographisches Ziel, in dem sich bis zum seligen Ende ausharren ließe. Wunderland liegt unterwegs, und sein Kennzeichen sind nicht Wunder sondern Wundern.

[...]

Resümee

Ich suchte nach einem für mich gangbaren Weg, wie das professionelle Konzentrieren auf Lösungsmöglichkeiten zu etwas anderem führt als zu einer abgehobenen und künstlich wirkenden Attitüde. "Unerschrockenes Respektieren" (Hargens 1995) wurde zu einem Leitmotiv für mich. Mir wurde deutlich, daß ich - um den Faktor Disziplin nicht überstrapazieren zu müssen - dazu eine versöhnliche Form finden sollte, mit der Alltagswirksamkeit von Problemen umzugehen. Leben war stets mehr als Probleme, aber eben auch mehr als Lösungen.

(...)

Zusammengefaßt führen mich diese und ähnliche Überlegungen zu zwei Schlußfolgerungen für die Ausbildung (oder vielleicht besser Entwicklung und Selbsterziehung) von Lösungsorientierten TherapeutInnen.

Zum einen: Es braucht ein sorgfältiges Training des Instrumentariums. Es kann vermutlich nichts schaden, dabei auch auf so formalisierte Reflexionshilfen zurückzugreifen wie das Ratinginventar lösungsorientierter Interventionen RLI (Schiepek et al. 1997). Es gehört für mich dabei jedoch zu den wichtigsten Qualitätsmerkmalen, das Benutzen von Instrumentarien und Techniken kontextsensibel zu handhaben, sowie zwischen Technik und Haltung zu unterscheiden. Das heißt: "Lösungsorientiert" wird zu einem Kürzel für: "Wie ich mich in komplexen Lebens- und Problemsituationen als Teil einer Situation verstehe und verhalte, in der Ideen über Lösungen und Ressourcen schließlich weiterführen und beim Orientieren helfen". Einverstanden, das Kürzel klingt prägnanter. Unhandlich dürfte die Langform jedoch nur in dem Fall werden, in dem die zweite Schlußfolgerung keine Rolle spielte.

Die zweite Schlußfolgerung: Selbsterfahrung bleibt ein wichtiger Bestandteil professioneller Kompetenz. Auch wenn dieser Begriff noch immer mit dem Parfüm der Human Potential Movement-Jahre überdüngt erscheint: ohne wird's zum technokratie-anfälligen Formalismus. Vielleicht hilft es da weiter, wenn Günter Schiepek an prominenter Stelle und programmatisch vom "Ausbildungsziel: Systemkompetenz" spricht (1997). Es heißt da u.a..: "Systemorientierte Ausbildungen bedürfen (...) der Möglichkeit einer kompetenten, fremdunterstützten Selbstthematisierung des eigenen psycho-emotionalen "Funktionierens" in bestimmten Handlungskontexten" (S.200) und nähert sich dem angemahnten Begriff über den Umweg einer Adjektivierung als "kontextueller Selbsterfahrung" (S.200). Das Adjektiv "kontextuell" verweist darauf, daß "Selbsterfahrung" hier nicht als sich selbst genügende emotionale Erlebnisqualität gemeint ist (Parfüm verwehe), sondern "richtet sich vielmehr - wiederum ressourcenorientiert - auf die emotionale Qualität interaktiver Szenarien, die Erweiterung von Handlungsspielräumen, die Akzeptanz von Verletzlichkeiten und persönlichen Grenzen, die Betroffenheit von Selbstwertgefühlen und Selbst-Schemata, die persönliche Ausstrahlung und die persönliche Lebensqualität." (S.200).

Das sorgfältige Auseinandersetzen mit der eigenen Lebenserfahrung erscheint mir so als ein notwendiger Kontext dafür, sich nicht "kontraphobisch" auf Lösungen einzuigeln und damit den Spielraum der KlientInnen ohne Not entscheidend zu verringern. Erst das lebenspraktische Vertrautsein mit dessen Irrungen und Wirrungen ermöglicht, wie ich es sehe, die Verbindung von geduldigem und respektvollem "Hören, was die KlientInnen sagen" (de Shazer in Keller & Schug 1992) und dem disziplinierten, neugierigen Wachsein für das konzentrierte Fördern von lösungsrelevanten Schritten. Erst diese Grundlage dürfte TherapeutInnen den notwendigen langen Atem bei dieser Arbeit geben (und damit versöhnen, daß sie sich nicht als so "glanzvoll" erweist, sondern vielmehr als diszipliniert und bescheiden). Ebenso sehe ich darin eine entscheidende Grundlage dafür, neugierig zu bleiben trotz der gleichen Fragen, immer wieder.... Immer wieder die gleichen Fragen? Vielleicht...

"Wiederholung ist eine wunderbare Einrichtung. Im wirklichen Leben wiederholen wir uns ja auch dauernd, beim Essen, beim Sex oder bei der Arbeit. Wer du bist, hat doch damit zu tun, welche Geistesgegenwart du aufbringst, diese sich wiederholenden Tätigkeiten anders zu verrichten." (Der Schauspieler William Dafoe (in Peitz 1997, S.14)

Wolfgang Loth (e-mail: kopiloth@t-online.de)

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